Adventskalendergeschichte
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Werbung 4. Adventskalendergeschichte 2021 Türchen 18

 

Adventskalendergeschichte

 

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Hey, Hallo und schön, dass Ihr da seid.

 

Weiter geht es am heutigen Samstag mit Türchen 18.
Das heutige Türchen 18.12.2021 kommt von Autorin Claudia Gogolin.

 

 

Türchen 18
„Ja, niemand sollte einsam sein“, flüstere ich und schlucke.
„Du hast es verstanden, mein Kind.“ Eine seidenähnliche Berührung jagt mir einen Schauer über den Rücken. Unablässig streicht die Hand der alten Frau über meine eisigen Finger. Ich hebe den Blick und mein Lächeln erstarrt. Ruckartig ziehe ich die Hand zurück. Die eben noch dankbar lächelnde Dame ist Ilses verzerrtem Gesicht gewichen. Die Augen sind tief in die Höhlen zurückgetreten, die Haut wächsern. Würgend öffnet sie die blutleeren Lippen. „Immer war ich für euch alle da. Habe euch über die Weihnachtstage getragen. Wo seid ihr jetzt? Ich bin gefangen zwischen den Wänden des Vergessens. Ihr habt nichts dagegen getan, dass ich abgeschoben werde an einen Ort, von dem niemand wieder lebend zurückkehrt. Ihr besucht mich nicht einmal.“ Fest krallen sich ihre Finger um mein Handgelenk. Ihre Stimme hat nichts mehr mit der Süße von Zuckergussplätzchen zu tun. Sie ist hart und stinkend, wie das Gewürm, das sich windend aus ihren jetzt leeren Augenhöhlen windet. Wimmernd versuche ich mich aus dem Griff Ilses zu befreien. „Lass mich los. Niemand hat dich vergessen, hörst du? Warum sollten wir hier sonst alle bei den eisigen Temperaturen auf der Straße stehen?“, kreische ich und stolpere über meine eigenen Füße.
„Alle? Ich sehe niemanden.“ Verächtlich lachend bohrt die Alte ihren knochigen Zeigefinger in meine Brust und stößt mich zurück. Keuchend taumle ich gegen die Wand eines dunkel daliegenden Hauses. „Helga, Michaela, Karin? Wo seid ihr denn alle?“ Panisch schaue ich die verlassene Straße entlang. „Was ist …“ Meine Stimme erstirbt.
„Nun, wo sind sie, die Gutmenschen der Straße? Ich sage dir wo sie sind. Sie machen das, was sie jedes Jahr tun. Sie hetzen den teuersten und buntesten Geschenken hinterher. Oder den billigsten, wie man es nimmt. Hauptsache bequem. Am besten nicht das Haus verlassen. Der wahre Sinn von Weihnachten existiert schon lange nicht mehr. Und Nächstenliebe? Paaah, ein Fremdwort aus dem Kreuzworträtsel. Daran ändert dein alberner Kristall auch nichts.“ Hinkend schlurft der Albtraum namens Ilse auf mich zu.
Der Kristall!, schießt es mir durch den Kopf. Mit Tränen in den Augen ertaste ich den Stein und ziehe ihn aus der Tasche. Kalt und grau liegt er in meiner Hand. Kein Leuchten, kein Pulsieren und keine Wärme. Schluchzend starre ich ihn an. „Das kann nicht sein. Das …“ Ich stoße mich von der Wand ab und renne los. Weg, einfach nur weg von diesem grauenvollen Ort und der nicht wiederzuerkennenden Ilse.
Fest umklammere ich den Kristall und stürme Richtung meiner Wohnung. Nur noch einige Schritte.
„Du kannst nicht davonlaufen, mein Kind. Auch dir wird es so ergehen. Denk an meine Worte. Die Menschen sind egoistisch und Weihnachten etwas für Kinder. Ich habe es nur zu spät erkannt.“
Noch lange hallen die Worte Ilses in mir nach. Zusammengekauert sitze ich, die Beine fest umschlungen, in der Mitte des Wohnzimmers und wiege mich vor und zurück. Umsonst, es war alles umsonst. Was für eine bescheuerte Idee mit dem Theaterstück. Was sollte das bringen? Schluchzend werfe ich den Kristall von mir und vergrabe das Gesicht zwischen den Armen. Ich traue mich nicht mehr, auch nur einen Blick aus dem Fenster zu werfen. Langsam tropft die Zeit dahin.
Ring, Ring. Das aufdringliche Klingeln des Telefons reißt mich aus der Dämmerung.
„Frau Gingerbread?“
„Ja“, murmle ich und presse müde das Handy gegen das Ohr.
„Hier ist die Seniorenresidenz Regenbogen, mein Name ist Frau Jansen. Es handelt sich um Ilse Blum. Ich muss ihnen leider mitteilen, dass Frau Blum heute morgen ins Koma gefallen ist.“
„Was?“ Plötzlich bin ich hellwach. „Aber wie … warum? Warum rufen Sie gerade mich an?“
„Frau Blum hatte ihre Kontaktdaten bei uns hinterlegt, da sie keine eigenen Verwandten mehr hat und Sie ihre direkte Nachbarin waren. Fr. Blum …“
Den Rest verstehe ich nicht mehr, denn die Welt beginnt sich um mich herum zu drehen.

 

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