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Ganze Adventskalendergeschichte 2020

Hey, Hallo und schön, dass Ihr da seid.

 

Zum mittlerweile dritten Mal gab es auf unserem Blog eine Adventskalender Geschichte, geschrieben von 24. Autoren.

 

In diesem Jahr möchten wir uns ganz herzlich bei diesen 24. Autoren für die Geschichte bedanken:

 

Katrin Lachmann, Petra Brusendorff, Sontje Beermann, Nadine Baumann, Nadine Teuber, Roland Blümel, Sybille Sturm, Peik Volmer, Jeannine Molitor, Lotte R. Wöss, Michael G. Spitzer, Aline Stuart, Julia K. Schusser, Ulrike Bode, Lisa Lamp, Erina Rens, Elke Kleist, Doro May, Ivonne K. Wimper, Gerda Greschke-Begemann, Alke Rudat, Petra Teske, Henry Wimmer, Katharina Gerlach.

 

Ihr habt die Weihnachtszeit auf unserem Blog wieder zu etwas ganz Besonderem gemacht, wofür wir euch nicht genug danken können. Wir hoffen sehr, dass die Geschichte den Bloglesern auch gefallen hat und wir auch 2021 wieder 24. Autoren finden, die an einer neuen Geschichte mitschreiben wollen.

 

Hier habt ihr nun die Möglichkeit, die ganze Geschichte in einem Stück zu lesen.

 

Wir wünschen euch viel Freude beim Lesen.

 

Eure Lesemamas

 

Seit Tagen schneite es ununterbrochen. Die Bewohner der fünfhundert Seelengemeinde waren unermüdlich dabei, den Schnee zu räumen. Wenn Katharina dem Wetterbericht Glauben schenkte, dann würde es der Jahrhundertwinter mit Schneemassen, die nicht zu bewältigen wären. Ihre Oma, die von allen nur die Kräuterelli genannt wurde, obwohl sie Hildegard mit Vornamen hieß, erklärte ihr anhand der Pflanzen, wie der kommende Winter sein würde. Im Herbst brachte sie ein Sträußchen Heidekraut mit nach Hause, welches bis in die letzte Blütenspitze aufgeblüht war. Sie drehte das Sträußlein hin und her, kräuselte die Stirn und war in ihrer kleinen Bibliothek verschwunden. Als sie wieder heraus kam, hielt sie ein altes Buch in den Händen und tippte mit ihrem Zeiger auf den Einband.
„Wir müssen uns auf einen sehr harten Winter einrichten. Ich habe noch einmal nachgelesen.“
„Ist doch nichts neues, oder?“
„Dieses Mal ist es anders. Alles deutet darauf hin, dass wir einen Winter erleben werden, wie seit mehreren hundert Jahren nicht.“
Katharina war es egal. Sie liebte den Winter mit Schnee und Eis. Sehnsüchtig wartete sie auf die Zeit, wenn die Eiskristalle in der Luft tanzten, wenn der Teich mit einer dicken Eisdecke geschlossen und alles mit glitzerndem Schnee überzogen war. Das war der Zeitpunkt, an welchem die Geräusche durch die Schneedecke gedämpft wurden. Stundenlang spazierte sie dann durch die Winterlandschaft. Auf ihren Handschuhen ließ sie die Schneeflocken niedergehen und schaute sich die hauchdünnen Kristalle an. Kam ihr Atem zu dicht heran, schmolzen sie in Sekundenschnelle. Nach solch einem Spaziergang freute sie sich auf einen heißen Kakao vor dem Kamin. In das Knistern des Feuers mischte sich das Heulen des Windes. Ein sicheres Zeichen, dass das Schneegestöber eingesetzt hatte. Das war dann die Zeit der alten Geschichten.
Ihre Oma erzählte ihr gern abends, wenn das Tagwerk vollbracht war. Oft saßen sie in der Küche. Den Tisch hatten sie schon abgeräumt. Im Regal in einer Ecke standen oder hingen die Kräuter, die die Kräuterelli das Jahr über gesammelt hatte. Zu gern öffnete Katharina die Gläser, um den Duft einzuatmen. Sie liebte es, genauso wie die Bratäpfel, die es manchmal zum Nachtisch gab.
Wenn das Schneegestöber nicht zu laut war, hörten sie den Glockenklang der Kirche.
Dieser Klang entführte Katharina in eine Traumwelt.
Sie fragte sich, woher ihre Oma nur all die Geschichten kannte? Manchmal hatte Katharina das Gefühl, dass es nicht nur Geschichten waren, sondern Erlebnisse aus einer längst vergangenen Zeit. Auf die Frage, ob sie dies alles selbst erlebt hatte, lachte Oma und zwinkerte ihr zu.
An diesem Abend erzählte sie von einer kleinen Familie. Sie lebte etwas abseits eines Dorfes am Rande des Waldes. Auf dem Gehöft gab es keinen Strom oder fließend Wasser, aber viele Tiere und einen riesigen Garten, der sie ernährte.
In die Erzählung mischte sich ein Traum, in dem Katharina sah, wie sie mit der Oma eingeschneit war. Angst beherrschte sie. Was wäre, wenn das Holz aufgebraucht war, die Nahrungsmittel erfroren oder wenn Oma plötzlich hohes Fieber bekäme.
Oma wüsste, welches Kraut helfen würde, aber Katharina?
Über diese Gedanken schlief sie ein und erwachte am nächsten Morgen. Der Sturm hatte sich beruhigt. Katharina hörte die Oma leise summen und die Luft war geschwängert vom Geruch des frischen Kräutertees. Ein neuer Tag war erwacht und der dunkle Traum war verflogen.
Noch ein wenig verschlafen tappte Katharina zu ihrer Oma in die Küche. „Guten Morgen!“
„Guten Morgen, mein Schatz! Nimm dir Tee und setz dich zu mir!“
Sie tat wie geheißen, goss sich Kräutertee in ihre Lieblingstasse und setzte sich an den Esstisch. Ihre Oma schälte Äpfel, entfernte das Kerngehäuse und warf die Spalten in Zitronenwasser. „Was wird das?“
„Mein allerliebster Apfelkuchen, wir bekommen heute Besuch.“
„Kann ich helfen?“
„Natürlich. Hol dir den Nussknacker, ich brauche mindestens zwanzig Walnüsse.“
Grinsend sprang Katharina auf und eilte zur Vorratskammer, wo der Nussknacker, verpackt in einem Leinenbeutel, auf seinen Einsatz wartete. Sie brachte ihn zum Tisch, packte ihn aus und begutachtete ihn. Der mehr als einen Meter große Husar war schon viele Jahre alt, strahlte aber noch immer in kräftigem Rot und Weiß. Ihr verstorbener Opa hatte ihn liebevoll mit der Hand geschnitzt und angemalt, Haar und Bart bestanden aus Kaninchenfell, und der Säbel war sogar aus Metall.
Sie seufzte und strich mit beiden Händen sanft über die Figur, doch von Staub war nichts zu sehen. Manchmal vermisste sie ihren Opa so sehr, dass es ihr in der Brust wehtat.
Katharina blinzelte und holte sich zwei Schalen, zog den riesigen Nikolausteller zu sich heran und machte es sich auf ihrem Platz gemütlich.
„Wer kommt denn zu Besuch, Oma?“ Sie schob dem Husaren eine Walnuss in den Mund und betätigte vorsichtig den Hebel in seinem Rücken, bis die Schale aufplatzte.
„Drei meiner liebsten Freundinnen. Michaela, Karin und Helga.“
„Oh, wie schön, die habe ich schon lange nicht mehr gesehen.“ Katharina lächelte vor sich hin und pulte die gehirnförmigen Kerne aus der geknackten Schale. „Meinst du, sie bringen auch wieder ein paar Bücher mit? Mir haben die Weihnachtsgeschichten letztes Jahr so gut gefallen.“
„Bestimmt, mein Schatz!“ Oma lächelte. „Kannst du dir die drei ohne Bücher vorstellen? Ich nicht.“
Katharina lächelte und widmete sich der zweiten Nuss. „Nein, ich auch nicht. Und sie können fast so schöne Geschichten erzählen wie du.“
„Sie haben eben auch schon viel erlebt.“
Das Mädchen hielt inne und schaute ihre Oma an. „Habt ihr schon mal daran gedacht, eure Geschichten und euer Wissen aufzuschreiben? Oder ihr erzählt mir alles und ich schreibe es auf. Das wird ein richtig dickes Buch!“
Die ergraute Frau lachte herzlich. „Was du nur für Ideen hast!“
Während Kräuterelli den Kuchen in den Ofen schob, nutzte Katharina die Chance, sich für einen Spaziergang davonzustehlen. Sie liebte es, in dieser rauen Kälte über die Felder zu streifen, wenn niemand anders gern die warme Stube verließ. Lachend rannte sie einige Meter durch den frischen Schnee, blieb dann stehen und legte den Kopf in den Nacken, bis sie eine der dicken Schneeflocken mit ihrer Zunge eingefangen hatte. Danach ließ sie sich auf den Rücken fallen und malte mit Armen und Beinen einen Engel in den Schnee. Dieser Winter war herrlich, und sie würde ihn in vollen Zügen genießen.
Gedankenverloren klopfte sie den Schnee von ihrer Kleidung und lief den Weg am alten Friedhof entlang. Hinter einer niedrigen Steinmauer sah sie die verschneite Rasenfläche, die von vereinzelten Grabsteinen unterbrochen wurde. Die Gräber waren alt und verwaist, es wurden schon seit Jahrzehnten keine neuen mehr angelegt. Aber der Friedhof wurde trotzdem nicht entfernt, sondern blieb als Andenken an vergangene Zeiten am Rande des Dorfes erhalten.
Katharina schlüpfte durch das schmiedeeiserne Tor am Ende der Mauer, das sich schon lange nicht mehr schließen ließ. Mit leisen Schritten bewegte sie sich auf die kleine Kapelle zu, deren bunte Fenster sie so gerne einmal von innen sehen wollte. Doch immer, wenn sie bisher hier gewesen war, hatte sie die Tür verschlossen vorgefunden, daher hatte sie auch heute keine große Hoffnung.
Ein Eichhörnchen hüpfte mit kleinen Sprüngen vor ihr durch den Schnee. Musste dieses Tier keinen Winterschlaf halten? Neugierig versuchte Katharina herauszufinden, wohin es verschwunden war und entdeckte hinter der Kapelle eine riesige Tanne, deren Äste sich von der Last des Schnees in Richtung des Bodens bogen. Eine große, dunkle Höhle im mächtigen Stamm des Baumes wirkte im Vergleich zu der verschneiten Umgebung wie der Eingang in eine düstere Welt. Winzige Spuren im Schnee führten bis zu dieser Höhle. Ob das Eichhörnchen wohl dort verschwunden war?
In diesem Teil des Dorfes war Katharina noch nie gewesen – falls die Höhle überhaupt noch zu dem Dorf gehörte.
Sie schlotterte in ihren nassen Klamotten. So sehr sie Schneeengel auch liebte, bereute sie es jetzt, als der kalte Wind ihr in den Kragen fuhr. Zumindest davor sollte die Höhle sie schützen und so folgte sie den Spuren des Eichhörnchens in die Finsternis.
Kurz dachte sie daran, dass sie die Zeit nicht vergessen durfte. Der Kuchen der Kräuterelli war bis weit über die Dorfgrenzen berühmt. Berechtigt!
Doch wann bekam man schon die Gelegenheit für ein solches Abenteuer?
Die Höhle empfing sie mit einer überraschenden Wärme und einem Lichtschimmer am Ende des niedrigen Ganges, der sie neugierig machte und weiter in die Höhle hineinlockte.
Ein kalter Windstoß drängte sie von hinten und als sie zurück zum Eingang blickte, sah sie, dass der Schneefall wieder begonnen hatte. Heftiger als zuvor.
Wie gut, dass es in der Höhle warm und gemütlich war. Hier konnte sie abwarten, bis der Eissturm sich gelegt hatte.
Je weiter sie in die Höhle vorstieß, desto wohliger wurde es und ein geheimnisvolles Knistern drang an ihr Ohr.
Am Ende des Ganges angelangt, wandte sie sich nach rechts und sah sogleich den Ursprung der Wärme und des Knisterns.
In dem menschenleeren Gewölbe hing über brennenden Holzscheiten ein großer Kessel, in dem etwas dampfend vor sich hin köchelte.
Katharinas Herz klopfte heftig. Ein großer Kessel über brennenden Holzscheiten bedeutete doch, dass irgendein Mensch oder irgendein Wesen in der Nähe sein musste, aber sie konnte niemanden sehen.
Angstvoll blickte sie sich um, aber das Gewölbe schien verwaist zu sein. Eigentlich wäre sie am liebsten umgekehrt, aber der dampfende Kessel zog sie magisch an. Langsam näherte sie sich dem Feuer und genoss die angenehme Wärme. Aus dem Kessel stieg ihr ein angenehmer Duft in die Nase. Es roch irgendwie weihnachtlich, eine Mischung aus verschiedenen Kräutern. Wenn Oma hier wäre, könnte sie bestimmt sagen, um welche Kräuter es sich handelte.
Katharina trat nah an den Kessel heran und blickte in die dampfende Flüssigkeit. Sie war tief rot, bestimmte Kräuter schwammen darin. Das sieht aus wie ein Zaubertrank, ging es ihr durch den Kopf. Sie bemerkte eine Kelle, die neben dem Feuer lag. Ehe sie sich versah, lag die Kelle in ihrer Hand und sie hatte diese in den Kessel eingetaucht. Erschrocken zog sie die Kelle wieder heraus und verschüttete dabei etwas auf den Boden.
Vor Schrecken trat sie einige Schritte vom Feuer zurück und sah staunend auf die Stelle, auf die die Flüssigkeit getropft war. Erstaunt erblickte sie, wie sich dort etwas bildete. Es sah aus wie ein Stiefel, ein roter Stiefel, um es genau zu sagen.
Wieder wurde sie davon angezogen und stellte fest, dass in dem Stiefel ein Päckchen lag. Nikolaus, heute ist doch Nikolaus, ging ihr durch den Kopf.
„Du kannst es gern nehmen, es gehört dir!“, hörte sie plötzlich eine tiefe Stimme hinter sich und sie zuckte zusammen. Sie drehte sich um und glaubte, ihren Augen nicht trauen zu können.
Als Kind hatte Katharina immer den Verdacht, dass sich ihre Oma hinter dem Nikolaus versteckte. Sie war es, die immer darauf sah, dass alle Schuhe ordentlich sauber geputzt in Reih und Glied im Schuhschrank standen.
Jedoch sahen ihre Augen ihren seit langer Zeit verstorbenen Opa vor sich.
„O – P – A!“
„Katharina, schau nicht so entsetzt.“.
„Aber was machst du hier?“
„Du weißt doch, dass ich Schuhmacher war. Und du weißt, dass ich immer auf die richtige Pflege aller Schuhe geachtet habe.“
Katharina musste lachen: „Ja, ich weiß, ich darf nie die Steifen runterlatschen. Dies mache ich auch heute nicht. Ich nehme immer einen Schuhanzieher.“
Katharinas Opa trat näher an sie heran. Sanft streichelte seine Hand über ihren Kopf.
„Ich weiß mein Schatz, ich weiß. Doch hast du bald einen großen Tag vor dir. Deshalb wollen deine Oma und ich dir diese kleine Überraschung geben.“
Plötzlich wurden Katharinas Augen schwer. Das Bild ihres Opas verblasste immer mehr. Langsam glitt sie auf den Boden und verfiel in einen tiefen Schlaf.
Als sie wieder erwachte, fand sie den Raum verändert vor. Der Kessel und auch der rote Stiefel waren verschwunden. In ihrer Hand hielt sie immer noch das kleine Päckchen aus dem Stiefel.  Sie packte es hastig aus. Als sie dessen Inhalt sah, glaubte sie ihren Augen nicht trauen zu können.
Ei, was mochte nur in dem Kästchen sein? So langsam kam Katharina das ganze unheimlich vor. Beleuchtete Höhlen am alten Friedhof, Kessel mit roten Zaubertränken, aus denen plötzlich ein Stiefel wurde – wobei man einräumen musste, dass der schon sehr schick war. Manolo Blahniks, ganz klar. Aufs Geratewohl sagte sie: „Könnte ich dazu mal den anderen probieren?“, woraufhin das Eichhörnchen mit der Stimme ihrer Oma sagte, „Ich schau mal eben im Lager nach.“
Kinder, Kinder. Was war bloß los mit ihr? Jetzt entdeckte sie noch Gürtel, die exakt zu den Stiefeln passten. Pech. Die saßen doch recht knapp! Zu viel Kräuter-Kuchen von Oma Kräuterelli vermutlich, dachte sie. Laut erkundigte sie sich liebenswürdig, „Ach, haben Sie vielleicht den Gürtel in meiner Größe?“ Das Eichhörnchen schüttelte den Kopf. „Bedaure! Nur, was da hängt!“
Immerhin hatte sie die neuen Schuhe. Umweltbewusst ergriff sie den Jutesack, in den das Eichhorn den Karton gesteckt hatte. Nein, danke. Imprägnierspray hätte sie noch daheim, log sie.
Wo, bitte, war denn jetzt der Ausgang? Ah, da, auf dem Schild, war ‚Alter Friedhof‘ zu lesen. Fast bereute sie es, dem Eichhörnchen nicht das Imprägnierspray abgekauft zu haben. Schon wieder fiel Schnee. Warum machte der in diesem Jahr nur so viel Krach? Und dabei hatte sie doch ihre drei liebsten Freundinnen, Michaela, Karin und Helga mit den Stilettos beeindrucken wollen. Moment mal! Da hinten! Die drei schwankenden Gestalten! Waren sie das nicht?
„Hallo Süße“, begrüßte Michaela sie kichernd mit der Stimme ihres Opas. „Du hier? Auf dem Friedhof? Ja, narrt mich denn ein Trugbild? Äfft mich ein Spuk?“
„Quatsch, Michi, ich bin’s wirklich!“
Karin und Helga übertönten mit hemmungslosem Gelächter die herabstürzenden Flocken. Helga zog an einer eigenartigen, spitz zulaufenden Zigarette und reichte sie an Michaela weiter. Auch diese inhalierte kräftig.
„Hier, komm. Du auch“, lud sie Katharina ein.
„Ich rauche doch gar nicht“, wehrte die Schuhkäuferin sich.
„Das sieht man“, kritisierte Karin mit der Stimme Helgas. „Du nimmst die Kräuter gern als Gebäck zu dir, oder? Mein Gott – hast du schon wieder zugelegt? So wird das nichts mit dem passenden Gürtel!“
„Wollt ihr die Schuhe sehen? Echte Manolo Blahniks!“, fragte Katharina. Plötzlich schwebte ihre Oma, die von allen nach wie vor Kräuterelli genannt wurde, mit dem verschwundenen Kessel aus der Höhle über den Friedhof und rief mit der Stimme des Eichhörnchens: „Es wird ein kalter Winter, ich habe es nachgelesen. Deckt euch bitte rechtzeitig mit meinen Kräutern ein.“
So ereignete es sich, dass Katharina bereits zum zweiten Mal an diesem Tag etwas bereute. Hätte sie bloß nicht ihr ganzes Geld für die Schuhe ausgegeben!
„Liebste Großmutter“, bat sie mit der Stimme Manolo Blahniks, „Ich müsste kurz den Husaren mit dem Kaninchenfell zum Geldautomaten schicken. Hier! Sieh selbst!“
Es hatte plötzlich zu schneien aufgehört.
Sie öffnete ihr schickes, längliches Chanel-Portemonnaie. Plötzlich tönten die Glocken, die nicht mehr vom Lärm der Schneeflocken übertönt wurden, laut. Neugierig blickten sämtliche Damen in die Geldbörse. Um Gottes Willen! Was war das?
Sie trauten ihren Augen kaum …
In Katharinas Geldbörse steckte ein Rentier-Plätzchen. Verwundert zog sie die Augenbrauen nach oben und ihre Stirn kräuselte sich. »Wie kommt das denn da rein?«
»Hol es doch einfach heraus!« Karin verdrehte genervt die Augen.
Katharina zuckte mit den Schultern und zog das Rentier-Plätzchen aus der Chanel-Geldbörse. Ein Schrei löste sich aus ihrer Kehle, der von der Höhle um ein Vielfaches zurückgeworfen wurde, als das Plätzchen immer weiter wuchs.
Ein greller Blitz durchzuckte Katharinas Blickfeld und schmerzte in ihren Augen. Mit einer Hand hielt sie sich die Augen zu und stützte sich mit der anderen an der rauen Höhlenwand ab. Als das Licht wieder nachließ, sah sie sich unsicher um, doch Michaela, Karin und Helga waren verschwunden. Die Höhle lag wie ausgestorben vor ihr. »Das war alles ein verrückter Traum!« Erleichtert stieß sie die Luft aus, doch im selben Atemzug meldete sich ihr Verstand. Warum war sie dann trotzdem noch hier in der Höhle?
Katharina drehte sich um und starrte direkt in ein Paar große, dunkle Augen, die von weißem Fell umgeben waren. Mit vor Schreck weit aufgerissenen Augen, taumelte sie mehrere Schritte zurück. Vor ihr stand ein weißes Rentier und musterte sie mit seinen dunklen, intelligent wirkenden Augen.
Träumte sie etwa immer noch? Was ging hier vor sich?
»Ich werde verrückt«, stieß sie kopfschüttelnd hervor und wollte sich so schnell wie möglich zum Ausgang der Höhle begeben. Das Rentier jedoch machte ihr einen Strich durch die Rechnung, indem es vortrat und ihr mit seinem massigen Körper den Weg versperrte. Das majestätische Geschöpf schüttelte leicht mit dem Kopf und deutete dann in das tieferliegende Innere der Höhle. Als Katharina sich nicht bewegte, stupste das Rentier sie mit der Nase sanft an.
»Willst du mir etwas zeigen?« Katharinas Stimme zitterte leicht vor Unsicherheit, denn sie verstand immer noch nicht, was vor sich ging. Doch das Geschöpf hatte eine beruhigende Ausstrahlung, die sich langsam auf sie übertrug.
Das weiße Rentier nickte und Katharina seufzte leise. »In Ordnung. Ich folge dir.« Noch komischer konnte die Geschichte kaum werden. Was erwartete sie wohl?
Katharina folgte dem Tier immer tiefer in die Höhle. Der Weg war steinig und es gab kaum Licht.  Mehrmals fragte sie das weiße Rentier, wie weit es noch wäre, aber sie erhielt natürlich keine Antwort. Schließlich weitete sich der Raum ein wenig, wunderschöne Tropfsteine waren zu beiden Seiten. Das Rentier blieb stehen und Katharina hörte plötzlich ein grässliches Stöhnen. Am liebsten wäre sie umgekehrt, aber mit einem Mal war rund um sie Licht und Wärme. Ein engelsgleiches Wesen stand vor ihr. Das musste das Christkind sein. Die Stimme war lieblich und sanft. »Ich freue mich, dass du gekommen bist, Katharina. Der böse Waldgeist Fitzliputzli hat den Weihnachtsmann verzaubert, er hat Bauchschmerzen und hohes Fieber.« Wiederum ertönte ein Ächzen von hinten.
»Der arme Weihnachtsmann!«, rief Katharina. »Was kann ich tun?«
Das Christkind drückte ihr eine kleine Papierrolle in die Hand. »Dieses Geheimrezept vermag ihm zu helfen, aber nur die weithin bekannte Kräuterelli hat das Geschick, diesen Trank zu kochen. Lauf rasch nach Hause, damit deine Oma den Kräutertee zubereiten kann. Bitte, beeil dich, wir haben nicht mehr viel Zeit. Dem Weihnachtsmann geht es bereits sehr schlecht.«
Ihre Oma, natürlich. Sie würde bestimmt helfen. Was für ein Unglück. Könnten die Kinder heuer keine Geschenke bekommen, weil der Weihnachtsmann krank war. Katharina presste die kleine Rolle an sich, rannte durch die dunkle Höhle zurück, stolperte ein paarmal, raffte sich wieder auf.
»Ha, du glaubst wohl nicht, dass ich dich davonkommen lasse?« Das Herz blieb ihr fast stehen, als sie die schnarrende Stimme hörte.
Rotglühende Augen starrten sie aus dem Dunkel an, direkt vor ihr, und eine Gestalt versperrte ihr den Weg. Katharina konnte nicht viel erkennen, nur einen zotteligen Pelz. War das Fitzliputzli? Wie sollte sie an ihm vorbeikommen?
“Der Waldgeist schickt mich.” Mit diesen Worten trat das Wesen einen Schritt näher an Katharina heran. Das zottelige Fell schimmerte silbern im fahlen Licht, das durch den nahen Ausgang in die Höhle schien. Das Tier, oder was auch immer es war, sah einem Wolf sehr ähnlich. Doch es war mindestens doppelt so groß wie diejenigen, welche Katharina in den Wäldern gesehen hatte. Und deutlich kräftiger.
“Und was will er von mir?”, fragte sie mit so fester Stimme, wie sie diese zustande bekam. Ein Schauer lief über ihren Rücken.
“Er beobachtet dich schon lange und obwohl du noch ein Kind und nicht eingewiesen bist, erwartet er atemberaubende Fähigkeiten bei dir.”
Katharina runzelte die Stirn. “Eingewiesen? Fähigkeiten?” Schmollend verschränkte sie anschließend die Arme vor der Brust. “Und ein Kind bin ich auch nicht mehr!”
Das wolfsähnliche Wesen trat noch einen Schritt auf Katharina zu. “Ist das Alter nicht egal?” Es öffnete ein kleines bisschen das Maul, sodass es einem Lächeln glich. “Es steckt viel in dir, doch die Menschen um dich herum verschweigen es dir.”
Angezogen von der mittlerweile ruhigen Stimme und dem Ausdruck im Gesicht des großen Wolfes, hob Katharina den rechten Arm. Das Wesen senkte seinen Kopf und legte ihn unter ihre Hand. Das Fell war weicher, als sie es dachte und ohne darüber nachzudenken, begann sie es zu kraulen.
“Komm mit mir, Kind. Der Waldgeist möchte dich in unserer Welt willkommen heißen.” Langsam drehte sich der Wolf um und schritt behäbig in Richtung des Höhlenausgangs. Wie durch unsichtbare Hände geschoben, folgte Katharina ihm.
Nach wenigen Metern blieb er stehen und wendete sich ihr wieder zu. “Oh, und nenne ihn nicht bei seinem Namen. Er hasst ihn.”
“Und wenn ich ihn doch ausspreche?”
Der Wolf blickte wieder nach vorn und schritt weiter. “Denke an den Weihnachtsmann!”
Katharina nickte mit einem Stein im Bauch, legte ihre Hand auf den Rücken des Wesens und ließ sich von ihm aus der Höhle führen.
Das wolfähnliche Wesen führte Katharina tiefer in die steinernen Verzweigungen hinein. Der Weg führte nach unten. Die Welt verschwamm dämmrig und düster, bis Katharina das Gefühl hatte, dass lediglich ein fahles Glimmen, das vom Fell ihres Begleiters ausging, überhaupt noch Licht spendete.
Eine Aufgabe, sie hatte eine Aufgabe!
Katharinas Blick huschte an den niedrigen Wänden entlang. Eine weitere Höhle öffnete sich vor ihnen. Höher als die Bäume des Waldes und schwach mit einigen Fackeln beleuchtet. Verdammt, was stapfte sie noch immer diesem Vieh hinterher zu einem Futziputzi, der seinen Namen nicht mochte und sie in irgendetwas einweisen wollte? Sie hatte ein Leben und würde mit Sicherheit keinen Waldgeist darüber bestimmen lassen.
Katharina verlangsamte ihren Schritt und ließ sich hinter dem Wolf zurückfallen. Ein Kampf mit dem Untier machte wohl keinen Sinn, doch sie durfte nicht weiter gehen. Wenn dieser Waldgeist den Weihnachtsmann verzaubert und krank gemacht hatte, dann war sie gezwungen, etwas zu unternehmen! Die Kräuterelli musste her und der Weihnachtsmann gerettet werden. Sie durfte dem seltsamen Wolf nicht folgen, der sie immer weiter in das dunkle Labyrinth hinunterführte.
Ein zartes Pst ließ das Mädchen innehalten und sie blickte an den zerklüfteten Wänden hinauf.
„Deine Hand!“, wisperte es aus der Dunkelheit und Katharina reagierte sofort, als sie Michaelas Stimme erkannte.
Beide Hände über den Kopf gestreckt, ergriff Katharina Michaelas Unterarme und spürte mit einem Ruck, wie der Boden unter ihren Füßen verschwand. Höher und höher wurde sie gezogen, Michaelas grinsendes Gesicht direkt über ihr.
„Was soll denn der Käse, du kannst doch nicht diesem stinkenden Flohbeutel ins Verderben folgen! Auf geht’s, Kuchen und Bratäpfel warten!“, rügte nun Helga, packte Katharina und stellte sie schwungvoll auf ihre eigenen Füße zurück. Ein weiterer Gang. Atemlos massierte Katharina ihre Handgelenke und lächelte ihren drei Retterinnen zu.
„Auf geht’s zu Oma, wir brauchen den Trank! Denn ansonsten …“ Ein wütendes Brüllen hallte von den Wänden wider und Katharina fuhr zusammen. „Lauft, wir müssen hier weg, ehe der Wolf einen Weg nach oben findet!“
Ein Wolf. Götter!
Katharina warf ihren Kulli frustriert aufs Bett. Am Nachmittag hatte sie mit Oma und deren drei Freundinnen am Tisch gesessen und Kuchen gegessen. Dabei hatte sie auch vorsichtig gefragt, ob sie nicht die Erlebnisse und Geschichten der vier alten Damen aufschreiben dürfe. Oma war zwar etwas zurückhaltend gewesen, aber Kräuterellis Freundinnen waren absolut begeistert von der Idee und die Kaffeerunde drehte sich den restlichen Nachmittag nur noch um die Geschichten, die sie Katharina ausführlich erzählen wollten.
Leider hatte dies dazu geführt, dass Katharina derart aufgeregt gewesen war, dass sie beschlossen hatte, ihre eigene kleine Geschichte niederzuschreiben — einfach um zu üben.
Nun sah sie auf den alten Kalender hinunter, den sie zum Notizbuch umfunktioniert hatte, und fragte sich, wie sie nur auf die Idee hatte kommen können, die Buchidee überhaupt vorzuschlagen.
Die Übungsgeschichte klang schon toll, aber mit dem bösen Koboldwesen, einem Wolf und dann auch noch mit dem Drogentraum war die Fantasie wirklich mit ihr durchgegangen.
Na, vielleicht vergaßen die alten Frauen die Idee, wenn Katharina sie nicht daran erinnerte. Zumindest hoffte sie das. Alleine bei dem Gedanken an diese Schnapsidee wurde ihr flau im Magen.
Mit einem Seufzen warf sie den Notizbuch-Kalender und den Stift vom Bett, löschte die Nachttischlampe und wickelte sich in eine Wolldecke. Nur noch eine Lichterkette ließ über der Kleiderkommode kleine Eiskristallleuchten schimmern.
Von draußen aus der Nacht ertönte ein Jaulen.
Ah, da ist ja der Wolf, der mich zu diesem Waldkobold bringen soll, dachte sie amüsiert, obwohl sie genau wusste, dass nur der Mops der Nachbarn für die Ruhestörung verantwortlich war. Von dem Fenster direkt über ihrem Bett konnte sie den dicken, kleinen Hund im beschneiten Blumenbeet stehen sehen, wo er den Sirenen eines Rettungswagens hinterherheulte.
Katharina mochte dieses kleine, verfressene Wesen, auch wenn der Mops ihr grundsätzlich ins Gesicht nieste, sobald sie sich zu ihm hinunterbeugte.
Katharinas Augen schweiften weiter zu Omas Garten. Er sah immer etwas ungepflegt aus, was mehr an der Anzahl der Pflanzen lag als an Omas Pflege.
Hinter drei Kirschbäumen lugte die Regenrinne einer kleinen Hütte hervor. Katharina erinnerte sich, sie einmal zusammen mit Opa betreten zu haben. Damals war sie voller Gartengeräte gewesen. Sie wusste aber noch genau, dass sie damals eine Falltür im Boden entdeckt und ihren Opa angebettelt hatte, einmal hinuntersteigen zu dürfen. Er hatte verneint. Dort unten befände sich nur der Heizöltank, hatte er gesagt.
Seither war sie nie wieder in der Hütte gewesen und sie hatte auch Oma nie in der Nähe gesehen. Jetzt, da sie darüber nachdachte, kam es ihr komisch vor. Aber vielleicht brauchte Oma die Geräte darin einfach sehr selten und nur dann, wenn Katharina nicht zu Besuch war.
Die Straßenlaternen warfen ihr orangenes Licht auf die Gärten der Vorstadtsiedlung. Hier und da zogen sich Fußspuren von späten Spaziergängern durch den frisch gefallenen Schnee.
Katharina merkte, wie sie müde wurde. Kurz überlegte sie, ihr Handy aus dem Rucksack zu holen und heimlich nach einer Internetverbindung zu suchen. Oma mochte diese neumodischen Knochen nicht, und tatsächlich hatte Katharina in ihrem Haus weder Zugang zum mobilen Internet, noch Handyempfang. Außerhalb des Gartentores hatte sie meistens Glück, aber sie wollte Oma natürlich nicht enttäuschen oder verärgern. Katharina verwarf den Gedanken daher und wandte den Blick wieder aus dem Fenster.
Dabei bemerkte sie mehrere Gestalten, die die Straße herab eilten. Verwirrt beobachtete Katharina die Gruppe, welche zwölf Personen zählte. Sie alle trugen dunkle Umhänge. Lange Kapuzen hatten sie tief ins Gesicht gezogen, sodass sie alle mehr wie schwebende Schatten schienen.
Sie passierten den Nachbarsgarten. Der Mops setzte zum Bellen an, überlegte es sich dann aber anders und rannte mit eingezogenem Schwanz über den Rasen zurück zum Haus, wo er sich durch eine Katzenklappe zwängte.
Die Gestalten hatten den Hund scheinbar gar nicht wahrgenommen, denn sie schritten noch immer im Gleichschritt voran. Vor Omas Gartenzaun machten sie Halt. Eine Gestalt löste sich aus der Gruppe und zog aus einer ebenfalls schwarzen Tasche einige Gegenstände hervor, die Katharina aus der Entfernung nicht erkennen konnte.
Was sollte das werden? Mitternachts-Klopfersinger?
Ein Feuerzeug flammte auf und bald darauf identifizierte Katharina die Gegenstände als klobige, schwarze Stumpenkerzen.
Auf ein Zeichen des scheinbaren Anführers hin, begannen die Gestalten über Omas niedrigen Holzzaun zu steigen.
Was bitte wollten diese Bekloppten in Omas Garten? Ein satanistischer Einbruch? Um ihre Patchouli-Vorräte zu plündern?
Die Gestalten umrundeten die Kirschbäume und liefen auf Opas Hütte zu, wobei sie wie auf eine unsichtbare Anweisung hin, einen Halbkreis um die Tür bildeten, welche mit einem rostigen Vorhängeschloss versehen war.
Katharina rutschte unruhig vor dem Fenster hin und her. Sie wusste, dass sie eigentlich Oma wecken sollte, aber sie wollte diese Gestalten auch nicht aus den Augen lassen. Bisher taten sie ja nichts verbotenes, außer gruftig vor einem Geräteschuppen herumzustehen.
Sie wurde immer nervöser aber nichts passierte bis die zwölf Gestalten ihre Kerzen entzündeten und versuchten, das Schloss des alten Schuppens zu öffnen.
Als es ihnen endlich gelungen war, verschwanden sie einer nach dem anderen in der Dunkelheit. Draußen begann es wieder zu stürmen und zu schneien. Es wurde immer unheimlicher.
Katharina zog sich schnell etwas über und eilte aus ihrem Zimmer. In der Eile vergaß sie, eine warme Jacke und feste Schuhe überzuziehen und rannte in ihren Pantoffeln zum Schuppen. Es war schwer, gegen den Sturm zu laufen und sie kam nur sehr langsam voran.
Als sie endlich die Tür erreichte, war sie schon völlig durchnässt, was sie aber zunächst gar nicht spürte, so aufgeregt war sie. Ihr Herz stolperte förmlich. Statt direkt im Schuppen zu stehen, sah sie vor sich eine Treppe, die sich in die dunkle Tiefe eines Kellergewölbes erstreckte. Komisch, die hatte sie vorher nie wahrgenommen oder spielte ihr ihre Wahrnehmung einen Streich?
Es blitzte und donnerte, der Sturm wurde immer lauter. Sie versuchte, diese störenden Geräusche auszublenden, und nahm plötzlich Stimmen wahr. Stimmen, die sich wie ein grölender Gesang anhörten. Ihr wurde immer mulmiger ums Herz, aber sie nahm all ihren Mut zusammen und bestieg die erste Stufe. Da sie so überstürzt das Haus verlassen hatte, bemerkte sie nun, dass sie nicht einmal eine Taschenlampe mitgenommen hatte und tastete sich an einer feuchten Wand weiter die Treppe hinunter. Na, da hatte sie doch schon ihre Geschichte, wenn sie diesen Ausflug überleben sollte.
Der Gesang wurde immer lauter. Als sie endlich unten ankam, konnte sie sich nur noch auf ihr Gehör verlassen, hatten doch die Blitze des Gewitters ihr immer wieder einmal ein wenig Licht geschenkt. Hier aber war es stockdunkel. Vorsichtig, einen Schritt vor den anderen setzend, tastete sie sich vorwärts, bis sie vor einer Tür stand, unter deren Schlitz sich ein kleiner Lichtstrahl ausbreitete. Sie legte ihre Hand auf eine alte, kalte Messingklinke, drückte diese hinunter und versuchte die Tür, die sich nur langsam und quietschend bewegte, zu öffnen.
Was sie dort erblickte, jagte ihr einen kalten Schauer über den Rücken. Die zwölf Gestalten saßen dort in einem Kreis um einen Kessel, der über einem Feuer hing und nach einem wunderbaren Glühwein duftete. Ihr lief das Wasser im Munde zusammen, obwohl sie noch niemals in den Genuss dieses traditionellen Getränkes gekommen war. Sie konnte förmlich die Zutaten auf der Zunge schmecken und hatte nicht übel Lust auch ein Gläschen zu kosten.
Der Gesang endete abrupt und sie fühlte sich von zwölf glühenden Augenpaaren angestarrt. Keiner sagte auch nur ein Wort. Schweigend füllte der Anführer dreizehn Becher. Bevor sie den Becher, der ihr gereicht wurde, annahm, dachte sie noch, wie jedes der glühenden Augen für einen der Adventstage stand. Wie ein Adventskalender. Sie nahm den Becher, atmete das wunderbar würzige Aroma ein und trank. Alles um sie herum begann sich zu drehen, sie hatte das Gefühl zu fliegen, versank in einer wohligen Bewusstlosigkeit und träumte von Lebkuchen, Kräutern und dem kranken Nikolaus, den sie retten sollte.
Stille. Katharina hatte sie nie gemocht und während sie gegen die bleierne Schwärze ankämpfte, wurde sie wieder darin bestätigt, dass es nichts Schlimmeres gab. Die Stimmen waren verstummt, genau wie das Unwetter, das gewütet hatte. Sogar der Geruch nach Zimt, kandierten Nüssen und Bratäpfeln hatte sich verflüchtigt. Nichts gab ihr Aufschluss darüber, wo sie sich befand, oder ob die zwielichtigen Gestalten noch anwesend waren. Wie lange hatte sie geschlafen? Ob Oma sie bereits suchte? War ihr Verschwinden Michaela, Helga und Karin schon aufgefallen, oder lagen alle noch in ihren warmen Betten? Innerlich fluchte Katharina. Wieso hatte sie niemandem Bescheid gesagt? Wie konnte sie so blöd sein und einfach Hals über Kopf irgendwelchen Fremden folgen?
Verzweifelt versuchte sie, die Augen zu öffnen, doch sie schaffte es nicht. Ihre Lider klebten aufeinander und keiner ihrer Muskeln wollte ihr gehorchen. Das Pfeifen des Windes drang an ihr Ohr und ein seltsames Rascheln zog ihre Aufmerksamkeit auf sich. Katharina wollte den Kopf drehen, aber sie konnte sich nicht rühren. Kälte kroch ihr in die Glieder. Sie sehnte sich nach einer Decke oder ihrer Lieblingsjacke, die sie vor den frostigen Temperaturen schützen konnte. Aber der Wind riss schonungslos an ihren Haaren und vereinzelt spürte sie Wassertropfen auf ihrer Haut. Es nieselte. Nur leicht, aber es würde reichen, damit Katharina noch schneller auskühlte. War das ihr Schicksal? Würde sie hier sterben? Elendig erfrieren, noch bevor die vierte Kerze am Adventskranz brannte? Katharina schauderte. Sie wünschte, sie wäre bei ihrer Großmutter, ihren Freunden oder ihren Büchern. Überall, nur nicht hier. Sie fühlte sich mutterseelenallein. Katharina spürte die Tränen, die sich ihren Weg in ihre Augen bahnten und ein Schluchzen verließ ihren Mund. Langsam fiel die Schwere von ihrem Körper ab und der Druck auf ihrer Brust verschwand, sodass sie befreit atmen konnte. Dennoch wünschte sie, die Einsamkeit würde vergehen und die Dunkelheit mitnehmen. Sie wollte nicht allein sein. Nicht, wenn ihr nicht klar war, wo sie überhaupt war. Jeder wäre ihr recht gewesen. Oma, Michaela, Opa, Helga, Karin – ja, selbst die Zicken aus der Schule. Aber niemand kam, um sie zu retten.
Ein Geräusch rechts von ihr ließ sie erstarren. Sie hielt den Atem an. Schritte ertönten und verstummten wieder.
“Guten Morgen, Prinzesschen. Wie war dein Schönheitsschlaf?” Eine quietschende Stimme kicherte unheilvoll. Es klang wie das Gackern einer alten Hexe mit grüner Hautfarbe und Warzen im Gesicht, wie Katharina sie aus ihren Büchern kannte. Und Katharina wurde klar, dass sie vorsichtiger mit ihren Wünschen hätte sein sollen.
Ihr Inneres gefror zu Eis, weil sie nicht wusste, wo sie sich befand. Alles um sie herum war fremd, nichts war vertraut. Katharina blinzelte, ihr Blick gewann an Schärfe und sie schnappte nach Luft. So viele Fragen schwirrten ihr im Kopf herum, doch die Zunge klebte ihr am Gaumen, so sehr fürchtete sie sich vor dem Unbekannten oder hatte sie den unbändigen Durst doch dem Trunk der zwölf Gestalten mit den glühenden Augen zu verdanken?
Katharina sah sich weiter um, erblickte eine niedrige Holzdecke, die mit unzähligen Bündeln an getrockneten Kräutern behangen war. Ein vertrauter Duft durchzog die kleine Holzhütte. Es roch nach Heidekraut, Basilikum und Ringelblumen. Von weither drang erneut das Jaulen eines Wolfes zu ihr herüber, doch im Gegensatz zum letzten Mal klang es weniger bedrohlich.
„Wo bin ich hier?“, raunte Katharina kaum hörbar. Ein Summen erreichte ihre Ohren und schließlich erblickte sie ein Wesen, das mit dem Rücken zu ihr an einem Kessel werkelte. Eine rötliche Flüssigkeit brodelte darin und immer wieder zupfte die Unbekannte Kräuter von der Decke, um sie im Topf zu versenken. Nach jeder Zugabe wechselte das Gebräu die Farbe. Von Rot zu Grün, von Grün zu Blau und schließlich zu einem hellen Gelb, das einem gleißenden Licht glich, das Katharina blendete. Schnell kniff sie die Augen zu und schrie auf, als sie diese wieder öffnete. Die Fremde hing über ihr. Sie war tatsächlich grün, doch besaß sie weder Warzen, noch war sie hässlich. Ein Kobold, nein, eine kleine Elfe mit einer irrwitzigen roten Mütze auf dem Kopf und einem wunderschönen Gesicht blickte ihr entgegen.
„Hab keine Angst, bei mir bist du sicher.“ Ihre Stimme klang melodisch und freundlich. Wie ein altbekanntes Lied, das Katharina irgendwo gehört haben mochte. „Mein Name ist Elfriede, aber du kannst mich Elfie nennen. Komm, du kannst dich später ausruhen. Jetzt musst du deine Vorsehung erfüllen.“
Elfriede half Katharina auf und führte sie auf wackeligen Beinen zum Tisch. Unsicher nahm sie Platz und griff nach dem gereichten Becher mit eben dieser Flüssigkeit aus dem Kessel. Inzwischen schimmerte sie Indigoblau und Katharina spähte skeptisch in den Becher.
„Weshalb bin ich hier?“ Die Neugier siegte doch, Katharina musste einfach wissen, was vor sich ging.
„Das weißt du nicht?“ Elfriede runzelte die Stirn. „Woran kannst du dich erinnern?“
„Ich habe wirr geträumt, über Höhlen, Wölfe, Manolo Blahniks und Eichhörnchen. Zuletzt befand ich mich im Schuppen meines Opas und trank etwas, das einfach furchtbar schmeckte, dann wachte ich hier auf. Wo bin ich eigentlich?“ Erneut sah Katharina sich um. Eine kleine Holzhütte mit einem kleinen Fenster, das schneebedeckte Tannen zeigte.
„Am Nordpol, selbstverständlich. Versteckt in einem dichten Wald.“
„Versteckt, aber warum?“
Elfie nahm ihr gegenüber Platz und nippte an ihrem Getränk. Es schien ihr zu schmecken, also legte Katharina den Becher an die Lippen und …
„Warte, das darfst du noch nicht trinken. Das ist ein Zaubertrank.“ Draußen klopfte es laut gegen die Tür. Nervös sah Elfriede sich um. „Hör zu, wir müssen uns beeilen. Leider fehlt uns die Zeit für lange Erklärungen. Einiges von dem, was du erlebt hast, ist tatsächlich passiert. So ist der Weihnachtsmann tatsächlich schwer erkrankt und Kräuterelli ist wirklich seine letzte Hoffnung. Sie muss ihn heilen, doch das wird sie ohne ihr Rezeptbuch nicht vollbringen können. Es wurde ihr von dem bösen Waldgeist gestohlen. Hat sie dir davon erzählt?“
Katharina schüttelte verneinend den Kopf und lauschte gebannt Elfriedes Stimme.
„Das dachte ich mir schon. Sie ist eine wunderbare Kräuterhexe, doch ohne das Buch der großen Magier wird sie gegen den starken Zauber nichts ausrichten können. Deshalb bat ich Michaela, Helga und Karin um Hilfe. Sie schickten dich durch all diese Geschichten, in der Hoffnung, du würdest das Buch finden, doch so war es nicht. Ich fürchte, du musst dich noch einmal auf Reisen machen, in die Tiefen des Waldes, dorthin, wo der Waldgeist wohnt. Der Wolf, Hyägel … er wird dich dorthin bringen und für deinen Schutz sorgen. Ihn musst du nicht fürchten, er würde für den Weihnachtsmann sein Fell hergeben.“
Erneut klopfte es an der Tür und das Geheul des Wolfes erklang nun ganz nahe.
„Hyägel ist bereit, hier, nimm das …“ Elfriede drückte Katharina eine warme Jacke, Handschuhe und eine Mütze in die Hände, während sie ihr einen Schal umlegte. „Du musst sofort los und bitte denk immer daran, wie traurig alle Kinder dieser Welt wären, wenn es den Weihnachtsmann nicht mehr gäbe! Wir müssen ihn retten, wir müssen!“ Eine Träne rann über Elfriedes Wange, die sie rasch wegwischte. Dann schob sie Katharina zur Tür und drückte ihr den Becher erneut in die Hände. „Jetzt darfst du es trinken, es wird dich stärken.“
„Aber was muss ich tun, wenn ich den Waldgeist gefunden habe? Wo hält er denn das große Buch der Magier versteckt?“ Erneut klopfte es. Das Jaulen schwoll zu einem Knurren heran.
„Schnell, wir dürfen keine Zeit verlieren.“ Elfriede wirkte gehetzt. „Trink den Zaubertrank und währenddessen erzähle ich es dir.“
Katharina setzte den Becher an die Lippen und begann zu trinken. Die Flüssigkeit schmeckte wunderbar, nach warmem Kakao und Himbeermarmelade.
„Hör gut zu, Katharina. Auf keinen Fall darfst du vergessen, was ich dir jetzt erzähle. Sobald du dem Waldgeist begegnest, musst du dich unbedingt …“
Katharina schaute Elfie mit großen Augen an. “Ich muss mich ganz winzig machen?”
“Ja, unbedingt! Der Waldgeist ist schlau, aber er kann sehr schlecht sehen. Darum ist das so wichtig.”
“Aber wie soll ich das anstellen?” Skeptisch blickte Katharina an sich herunter.
“Was denkst du, wozu ich dir eben diesen Zaubertrank gegeben habe. Er hat magische Kräfte. Er kann dich im Nu ganz klein und dann auch wieder groß machen. Du musst es dir nur ganz fest wünschen. Es gibt nur einen Haken, der Trank wirkt nur eine Nacht lang. Wenn du das Buch bis dahin nicht hast, wirst du für immer klein bleiben und der Weihnachtsmann wäre verloren. ”
“Oh je, wie soll ich das in so kurzer Zeit schaffen? Und wo finde ich das Buch der Magier?”
“Klammere dich in Hyägels Fell. Er ist schnell wie der Wind. Das Buch hat der Wadgeist immer unter seinem langen Bart versteckt.”
Elfie hielt ein kleines Fläschchen hoch. “Hiermit kannst du das Buch schrumpfen lassen, damit du es tragen kannst. Aber du darfst nur einen einzigen Tropfen nehmen, hörst du, einen einzigen Tropfen. Und dann fix zurück in Hyägels Fell und hierher. Alles verstanden?”
Katharina nickte zögerlich.
“Ganz einfach also.” Elfi machte eine Handbewegung, als wäre das alles ein Klacks. “Und jetzt los. Hyägel wartet draußen schon auf dich.”
Von wegen alles ganz einfach, dachte Katharina. Doch sie wusste, es lag jetzt ganz allein bei ihr. Sie schnappte sich das Fläschchen, hastete vor die Tür und schwang sich auf Hyägels Rücken.
Nur wenig später kamen sie wieder bei der Höhle an. Aber der Eingang war in der Zwischenzeit zu einer engen Öffnung geschrumpft, durch die gerade mal die Eichhörnchen hindurch passten. Verzweifelt schaute sie den Wolf an. Er würde ihr nicht beistehen können. Sie musste sich allein auf den Weg zum Waldgeist machen.
“Ich warte hier auf dich, Katharina”, versuchte er sie mit seiner brummigen Stimme zu beruhigen. “Du machst das schon.”
Katharina schaute ihn besorgt an. “Ich komme so schnell es geht zurück. Lass mich nur nicht im Stich”, bat sie ihn und streichelte zärtlich seinen Kopf.
Dann schloss sie ihre Augen und wünschte sich, ganz klein zu sein. Sie spürte ein Kribbeln im ganzen Körper und als sie die Augen wieder öffnete, war sie tatsächlich winzig. Selbst ihre Stimme war nur noch ein Piepsen, als sie sich noch einmal von Hyägel verabschiedete. Schnell schlüpfte sie in die Höhle hinein und stellte beruhigt fest, dass auf einmal alles kleiner war. Wie hätte sie sonst wohl den Weg bis in die hinterste Ecke, in der der Waldgeist hauste, schaffen sollen.
“Hallo, Katharina”, hörte sie plötzlich jemanden ihren Namen rufen. Vor ihr tauchte das Eichhörnchen auf. “Wo willst du denn hin?”, flötete es und hopste fröhlich vor ihr hin und her.
“Ich muss ganz schnell zum Waldgeist und das Buch der Magier holen, damit meine Oma den Zaubertrank herstellen kann, der den Weihnachtsmann wieder gesund macht”, sprudelte es aus Katharina heraus.
“Oh!” Das Eichhörnchen schlug die Pfötchen vorm Mund zusammen. “Der arme Weihnachtsmann und die vielen armen Kinder.” Es überlegte einen Moment und hob dann triumphierend ein Paar Rollschuhe vom Boden auf. ”Hier, damit bist du viel schneller.”
Katharina bedankte sich strahlend und flitzte los. Erst ganz kurz vor der finsteren Kammer des Waldgeistes verlangsamte sie ihr Tempo. Sie brauchte einen Plan. Sie schnallte die Rollschuhe ab und schlich sich vorsichtig um die Ecke.
Der enge Gang mündete in eine hohe, weite Halle, in der Katharina sich noch winziger fühlte, als sie so schon war. Der Waldgeist saß in seinem riesigen Sessel, die Hände vor seinem riesigen Bauch verschränkt und starrte gebannt auf einen riesigen Fernseher, in dem Bares für Rares lief. Trotz der angespannten Situation musste Katharina kichern. Das schaute ihre Oma auch immer. Wenn Katharina sie dann etwas fragte, hörte Oma es nie, weil sie so in die Sendung vertieft war, dass sie alles um sich herum vergaß. Wenn es dem Waldgeist auch so ginge, könnte sie leichtes Spiel haben und ratzfatz an das Buch heran kommen.
Katharina kroch auf allen Vieren von hinten an ihn heran. Sicher war sicher. Dann hangelte sie sich an seinem Hosenbein vorsichtig hoch und gelangte unbemerkt bis zu seinem Bart, der eher einem dichten Wald glich. In Schwerstarbeit kämpfte sie sich hindurch und erstarrte. Da war kein Buch!
In dem Augenblick schlug sich der Waldgeist begeistert auf die Schenkel, und stieß Jubelschreie aus. Katharina konnte sich nur mit Mühe an einem seiner Barthaare festhalten und wurde wüst hin und her geschleudert. Als sie sah, was den Waldgeist so erfreut hatte, wäre sie vor Schreck fast abgestürzt. Ein seltsames Männchen stand im Fernseher und stellte sein Buch vor. Das große Buch der Magier!
Okay. So also fühlte es sich an, wenn man verloren hatte. Wie zur Bestätigung dieser Eingebung öffneten sich ihre Hände. Es folgte der Sturz direkt auf die Füße des Gnoms. Von Vorteil war, dass sie nicht länger den üblen Geruch des ungewaschenen Barts ertragen musste. Der Nachteil bestand darin, dass das seltsame Wesen nicht weiter aufs Fernsehprogramm blickte, sondern seinen Kopf neigte. Tief und immer tiefer.
Grellgrüne Augen starrten Katharina an, und ein Mund, nein ein Maul verzog sich zu einem glitschigen Grinsen.
„Dich haben sie geschickt?“ Der Kerl patschte sich mit einer Hand aufs Knie. „Soll das ernst gemeint sein?“
Katharinas Kopf fiel nach hinten. Sie sah in ein grünlich schillerndes Zwergengesicht – und vergaß zu atmen.
„Hör zu, kleines Menschenkind”, sagte der Waldschrat mit einer rauchigen Stimme. “Ich hole zu essen.” Er gluckste. “Und dann unterhalten wir uns. Nur wir beide.“
Behände erhob er sich, ging nach nebenan, klapperte herum und kehrte mit einem Eimer zurück. „Heute gibt es Fisch.“
Er griff in den Eimer. Bevor Katharina ahnen konnte, was gleich geschehen würde, warf der Gnom ihr einen zappelnden Fisch vor die Füße.
„Hier!“, grunzte er. „Der ist für dich, meine Kleine!“
Er selber nahm nun ebenfalls einen Fisch und biss ihm den Kopf ab. Genüsslich schmatzte der Kerl vor sich hin. Kauend sagte er: „Nun ja, du bist anderes gewohnt. Bist halt ein Menschenkind. Ganz im Gegensatz zu mir.“ Wieder ein Glucksen.
Erneut biss er in den rohen Fisch.
Katharinas Schrei geriet schrill wie tausend Nadelspitzen. Entsetzt starrte sie auf das sterbende zappelnde Tier vor sich, das in etwa ihre Größe hatte. Der Kerl klatschte sich wie vorhin aufs Knie und lachte ein prustendes Gelächter, höhnisch und überlegen. Das Mädchen schwankte. Es spürte, dass sich ihr Leben in genau diesem Moment in eine Richtung wendete, aus der es kein Entkommen geben würde.
Da griff eine schleimige Hand nach ihr, hob sie hoch, während die andere Hand des Grobians den für sie gedachten Fisch hielt – direkt vor ihr kleines Gesicht. Sie schnappte nach Luft, sog unwillkürlich den Gestank aus dem Maul des verendenden Tieres auf – und fiel endgültig in Ohnmacht.
Ein unangenehm kratzendes, schabendes Geräusch holte Katharina aus der Dunkelheit. Sie öffnete die Augen. Fahles Tageslicht erhellte den Raum. Für einen winzigen Moment blieb ihr das Herz stehen. Ich werde für immer winzig klein bleiben, schoss es ihr durch den Kopf.
Doch dann erkannte sie ihre Umgebung. Sie lag in ihrem Bett, trug noch immer ihren kuschligen Lieblingspyjama und die Lichterkette brannte nach wie vor am Schrank. Erleichtert atmete sie auf, setzte sich und schaute aus dem Fenster. Über dem Garten und auch vor dem Schuppen lag eine dicke, unberührte Schneedecke. Wenn in der letzten Nacht wirklich zwölf Personen über den Zaun geklettert und zum Schuppen gegangen wären, müsste man doch jetzt noch die Spuren sehen. Oder nicht? War also alles nur ein blöder Albtraum?, grübelte sie vor sich hin.
Das unangenehme Geräusch riss sie wieder aus ihren Überlegungen. Jetzt erkannte sie es. Es war der Schneeschieber aus Metall, der über die Waschbetonplatten des Gartenwegs kratzte. Eigentlich war es ihre Aufgabe, den Weg vom Schnee zu befreien. Sie schlug die Decke zurück, sprang aus dem Bett und landete mit nackten Füßen auf dem Kugelschreiber und dem Notizbuch. Beides hatte sie am Abend zuvor achtlos neben das Bett geworfen. Meine Fantasie ist da wieder mit mir durchgegangen, dachte sie mit einem Grinsen.
Ein warmer, köstlicher Duft von Zimt, Anis und anderen Gewürzen empfing sie in der Küche. Oma saß gemeinsam mit Michaela, Helga und Katrin am Tisch. Jede mit einer Tasse Tee vor sich, waren sie in eine angeregte Diskussion vertieft. Diese verstummte, als Katharina eintrat. „Guten Morgen!“, tönte es vierstimmig.
„Guten Morgen“, erwiderte das Mädchen die Begrüßung. „Es tut mir leid, ich hab wohl verschlafen. Dabei hatte ich doch versprochen, den Gartenweg freizuräumen.“
Oma winkte ab. „Der Nachbarsjunge kommt gern zum Schneeräumen her. Er bessert sich damit das Taschengeld auf. Mach dir darum keine Gedanken. Setz dich zu uns! Wir haben jetzt viel wichtigere Dinge zu erledigen.“
„Was denn für wichtige Dinge?“, fragte sie ahnungslos, während sie sich eine Tasse von dem herrlich duftenden Gewürztee einschenkte.
Die vier Frauen starrten Katharina sprachlos an. „Du hast doch gehört, was Elfriede letzte Nacht sagte, oder nicht? Wenn wir Weihnachten noch retten wollten, müssen wie unbedingt das große Buch der Magier zurückbekommen!“
Katharina setzte sich auf den freien Stuhl am Tisch. „Oma, ich brauche jetzt einen Tee, der meine Gedanken und Erlebnisse sortieren kann. Ich darf jetzt keine Zeit mehr verschwenden in fantastischen Abenteuern. Es geht um das Weihnachtsfest, auf das sich alle Kinder schon so sehr freuen! Ist dieser Tee jetzt endlich der richtige, der mich klar denken lässt?“
„Doch, Kind, dies ist der richtige Tee. Du hast recht, die Zeit bis Weihnachten wird knapp, es ist keine Zeit für Abenteuer-Spielchen mehr.“
Kräuterelli und ihre Freundinnen schwiegen nun und beobachteten gespannt Katharina, die ihren Tee schlürfte und tief in Gedanken versunken war.
„Ich hab’s!“, rief das Mädchen plötzlich und sprang so heftig auf, dass ihr Stuhl umkippte. „Wo hast du die Winterjacke hingetan, die ich gestern anhatte?“
„Die hängt vorn in der Veranda, wie immer.“
Katharina rannte los und war blitzschnell zurück. In der erhobenen Hand hielt sie eine winzige Papierrolle.
„Ich habe mich erinnert!“, rief sie. „Das Christkind hat mir doch das Rezept für den Trank gegeben, den du kochen musst, damit der Weihnachtsmann gesund wird. Ich habe das Papier zum Glück sofort in die Jackentasche gesteckt. Bitte, kannst du das ganz schnell zubereiten?“ Sie rollte den Zettel auf und reichte ihn der Oma, auch die Lesebrille schob sie ihr hinüber. „Hast du alles im Haus? Wirst du es schaffen?“, wollte sie ungeduldig wissen.
„Ich mache mich sofort an die Arbeit“, beruhigte Kräuterelli die Enkelin.
Dann bemerkte Katharina die besorgten Blicke der drei anderen Frauen, die aus dem Fenster sahen. Der Himmel hatte sich bedrohlich tiefgrau verfärbt, ein aufkommender Sturm schüttelte bereits die Bäume im Garten, dass der Schnee nur so herunterstob und sogar das Haus zu beben schien.
„Muss gerade jetzt ein Unwetter aufkommen?“, dachte Katharina verzweifelt. „So, wie es aussieht, werden Unmassen Schnee fallen. Ich muss doch noch hinaus zur Weihnachtshöhle!“
Während die Kräuterelli eifrig und mit aller Eile ins Regal griff, Schubladen und Schränke öffnete, um die nötigen Zutaten für den heilenden Trank in einen eigens hierfür gedachten Topf zu schütten, drückte der pfeifende Wind gegen die Tür und rüttelte an den Fensterläden. Schwarze Wolken trieben immer schneller am Himmel entlang und türmten sich auf, bereit für ein eisiges Schneegestöber.
In der Küche wurde es düster, obwohl die Zeiger der Uhr gerade erst auf die Zehn gerutscht waren. Rasch ging Helga hinüber zum Schalter, wollte für Licht sorgen, doch die Lampen an der Decke blieben dunkel.
„Wir brauchen Kerzen!“, befahl die Großmutter, hörte jedoch nicht auf, in dem schwarzen Topf zu rühren. Zum Glück kochte sie mit Gas.
Michaela holte aus dem Schrank alle Leuchter, die sie finden konnte, und bald schon erhoben sich flackernde Schatten an der Wand.
Wieder sah Katharina hinüber zum Fenster. Kaum noch konnte sie die Bäume im Garten erkennen, denn immer dichter wurde der finstere Wolkenteppich dort am Himmel, und es schien, als sei es plötzlich wieder Nacht geworden.
„Dauert es noch lange?“, wollte sie wissen.
Die Kräuterelli wog den Kopf hin und her, hob den großen Löffel, so dass ihr der Dampf des Tranks in die Nase stieg.
„Ich denke, so wird es gehen“, sagte sie dann, nickte zufrieden mit dem Kopf und war bereit, das Ganze in eine Flasche zu füllen.
In diesem Moment fuhr ein greller Blitz durch die Wolkendecke. Der ohrenbetäubende Knall eines Donners ließ das Porzellan in der Vitrine klirren.
Und dann kam der Schnee! Getrieben vom Sturm jagte er kreuz und quer, fuhr immer aufs Neue ums Haus herum, und nichts weiter als dieser wüste Tanz weißer Flocken war mehr zu erkennen.
„Das ist das Werk des Waldgeistes“, brummte die Kräuterelli. „Er will uns aufhalten.“
Stumm sahen die Frauen einander an, dann blickten sie hinüber zu dem Mädchen.
Wie sollte Katharina so den Weg zum Friedhof finden, wie den Trank zum Weihnachtsmann bringen? Nichts konnte man mehr dort draußen erkennen.
„Aber wir müssen doch irgendetwas tun!“ Katharina wollte nicht aufgeben. „Gib mir den Trank. Ich muss es wenigstens versuchen.“
Entschlossen griff sie nach ihrer Jacke. Sie schob die Flasche in die Innentasche, wickelte sorgfältig den Schal um den Hals und zog die Kapuze tief ins Gesicht.
„Sei vorsichtig“, mahnte ihre Großmutter noch, dann öffnete Katharina die Tür.
Kaum stand sie draußen, schlug ihr der Wind die eisigen Flocken ins Gesicht. Sie schnappte nach Luft. Die ersten Schritte waren noch einfach. Hier im Garten kannte sie jeden Stein, jedes Beet und jeden Strauch auch im Dunkeln.
Doch schon am Tor wurde es schwieriger: keine der Laternen am Rand dieser Straße war erleuchtet, und ihre Schuhe versanken tief im Schnee.
Vom Tosen des Sturms und den tanzenden Flocken um sie herum war ihr schon ganz schwindelig. Trotzdem wandte Katharina sich nun nach rechts, sicher, in dieser Richtung zum Friedhof zu gelangen.
„Du nimmst den falschen Weg“, warnte plötzlich eine seltsam schnurrende Stimme in ihrem Innern. Gleichzeitig berührte etwas Warmes ihr Bein. Erschrocken sah Katharina an sich hinunter und blinzelte verdutzt.
Zu ihren Füßen stand ein roter Kater!
Sein Fell schimmerte warm und bernsteinfarben, obwohl um sie herum doch alles düster war.
„Dort entlang wirst du den Friedhof nicht erreichen.“ Wieder diese schnurrende Stimme in ihrem Kopf. „Der Sturm hat schon zu viele Bäume umgerissen, die nun die Straße versperren.“
Kurz musterte der Kater Katharina mit hellgrünen Augen, als wolle er überlegen, ob weitere Erklärungen hier Sinn machten. Dann wandte er sich nach links. „Hier geht es lang.“
So stolperte das Mädchen also hinterher, immer bemüht, das sanfte Leuchten des Katers in diesem Unwetter nicht aus den Augen zu verlieren. Und tatsächlich, nach vielen verlassenen Straßen und einigen Gassen stand Katharina endlich an dem Baum, der in die Höhle zum Weihnachtsmann führte.
„Hier trennen sich unsere Wege“, hörte sie den Kater noch schnurren. Dann waren das Licht und mit ihm die Wärme im Sturm verschwunden.
Unsicher blickte Katharina zum dunklen Höhleneingang des Baumes. Die tief hängenden, kahlen Äste und der breite Stamm, in dessen Rinde sich die unzähligen Lebensjahre eingegraben hatten, verliehen dem Baum ein schauriges Antlitz. Fast wirkte es so, als würde er sie aus gierigen Augen ansehen, nur darauf wartend, Katharina in sein Innerstes zu locken, um sie sich dann einzuverleiben.
Ein eisiger Schauer durchfuhr Katharina, der nicht an der kalten, vom Schneesturm gezeichneten Winternacht lag. Irgendetwas stimmt hier nicht, ging es ihr durch den Kopf. All die bizarren Träume und Visionen, die sie heimgesucht hatten, waren ein deutlicher Hinweis darauf. Weihnachten war das Fest der Liebe, des Beisammenseins und die Erinnerung daran, anderen Gutes zu tun. Es war diese ganz besondere Zeit im Jahr, in der Barmherzigkeit und Nächstenliebe im Vordergrund standen. Die Dunkelheit in der Welt wurde dann vom weihnachtlichen Glanz erhellt. Niemals konnte der Weg zum Weihnachtsmann durch die Höhle dieses Baumes führen, der sich zudem auf einem Friedhof befand.
„Nein!“, sagte Katharina laut. „Das hat nichts mit Weihnachten zu tun.“ Kaum hatte sie die Worte ausgesprochen, ließ der Schneesturm nach und die Wolkendecke riss auf, sodass der Blick auf die Sterne am Nachthimmel frei wurde. Seicht rieselten die Schneeflocken auf die Erde nieder, wobei die um Katharina wie die Sterne zu glitzern begannen. Fasziniert streckte sie die Hände aus und sah zu, wie sich die silbrigen Flocken in einem funkelnden Leuchten auf ihren Handflächen auflösten.
„Du hast die Prüfung bestanden“, erklang eine sanfte Stimme. Erschrocken sah Katharina zur Seite. Neben ihr stand ein wunderschöner Engel in einem weißen, strahlenden Gewand. Goldene Haare umrahmten ein liebliches Gesicht, das einen unbeschreiblichen Sanftmut ausstrahlte. Liebevoll lächelte der Engel Katharina an. „Trotz der bizarren Ereignisse, hast du den wahren Sinn der Weihnachtszeit nicht aus den Augen verloren. Ohne zu wissen, was dich erwartet, scheust du keine Gefahr und bist bereit, dem Weihnachtsmann zu helfen, damit die Kinder dieser Welt ihren Weihnachtswunsch erfüllt bekommen. Durch deinen Glauben ist der Weg zum Weihnachtsmann nun möglich. Der Schneesturm hat aufgehört. Geh, Katharina. Bring dem Weihnachtsmann den heilenden Tee.“ In einem goldenen Schein löste sich der Engel vor Katharinas Augen auf.
„Halt! Sag mir, wo ich den Weihnachtsmann finde“, rief sie aufgeregt, doch eine Antwort erhielt sie nicht. Still verblasste der letzte Lichtschimmer in der Dunkelheit und Katharina blieb allein auf dem Friedhof zurück. Die glitzernden Schneeflocken waren ebenso wie der Engel verschwunden. Hatte Katharina sich den Engel auch nur eingebildet, so wie einige der anderen Dinge? Mutlos wollte sie die Schultern sinken lassen, als ein geheimnisvolles Klingeln ihre Aufmerksamkeit erregte.
Es hörte sich wie ein Glöckchen an. Abermals erfüllte das zarte Läuten die Nacht. Langsam bahnte sich Katharina den Weg zwischen den Grabsteinen entlang, in die Richtung, aus der das Klingeln zu kommen schien. Zwischen den Bäumen, am Rande des Friedhofs, drang ein sanfter Lichtschein hervor und das Klingen wurde lauter. Nervös ging Katharina auf die Bäume zu und konnte kaum glauben, was sie entdeckte. Dort stand ein riesiger, strahlender Schlitten, vor den Rentiere gespannt waren …
Katharina war über sich selbst und ihren eigenen Mut erstaunt. Hätte ihr vor einigen Tagen jemand gesagt, dass sie bei Nacht und Schneefall über einen Friedhof laufen würde, sie hätte dies laut lachend ins Reich der Fantasie verwiesen. Nun aber stand sie wirklich hier. Vor ihr ein Schlitten, so groß und prächtig, wie sie nie zuvor einem begegnet war. Die eingespannten Rentiere bewegten neugierig ihre Köpfe, um den Neuankömmling in Augenschein zu nehmen. Eines dieser großen Tiere schnaubte, als wolle es Katharina begrüßen. Weiße Wolken aus gefrorenem Atem waberten um den Kopf des Rentieres, um sich gleich darauf in der Kälte aufzulösen.
Zögernd ging Katharina auf den Schlitten zu. Sie streckte die Hand aus, um ihn zu berühren. Er schien, als sei er aus reinem Gold gefertigt. Katharina wusste nicht, ob sie jemals zuvor etwas so Schönes erblickt hatte. In ihrer Vorstellung löste er sich auf, in dem Moment, da ihre Finger dagegen stoßen würden. Aber weit gefehlt. Er war so real wie sie selbst oder die Bäume und Grabsteine, die sie umgaben. Eines der Rentiere wendete den Kopf, um Katharina zu betrachten. Sie beeilte sich, das Fläschchen mit dem Kräutertrank aus ihrer Jackentasche zu ziehen. Jetzt war sie soweit gekommen. Nun würde sie den Weihnachtsmann auch mit dem eigens für ihn zubereiteten Trunk ihrer Oma heilen.
„Schaut her“, flüsterte sie in Richtung der stolzen Zugtiere. „Diesen Heiltrank bringe ich, damit ihr in der kommenden Nacht eure Reise quer über unseren Erdball antreten könnt.“ Lächelnd fiel ihr ein, dass sie bereits hunderte Male darüber nachgedacht hatte, wie es möglich sein könne, in einer Nacht eine solch unglaubliche Aufgabe zu bewältigen. Diese Zweifel zerstoben nunmehr, als habe es sie nie gegeben. Wer es vermochte, mit einem solchen Schlitten, im Übrigen vollgepackt mit Geschenken zu reisen, für den sollte auch alles andere nur eine Kleinigkeit sein. Jetzt war es nur wichtig, dass sie den Weihnachtsmann auch fand. Beziehungsweise, dass die zubereiteten Kräuter auch helfen würden.
Aber an Letzterem zweifelte Katharina keine Sekunde. Zu ihrer Oma besaß sie das allergrößte Vertrauen. Jetzt ging es nur darum, zu überlegen, wie sie sich der in dicke Decken gehüllten Gestalt in dem Schlitten nähern sollte. Durfte sie wirklich so mir nichts, dir nichts ein Gefährt betreten, das zu den größten Wundern der Menschheitsgeschichte zählte?
„Mein Kind. Du musst keine Angst haben. Komm hoch zu mir.“ Die Stimme war so unvermittelt erklungen, dass Katharina sich erschrak. Beinahe wäre ihr dabei das Fläschchen aus der Hand gerutscht. Im letzten Moment bekam sie es zu fassen. Ihr Herz klopfte, als wolle es ihr aus der Brust springen.
Die Gestalt auf dem Schlitten lachte. Auch wenn die Stimme und das Lachen entkräftet klangen, so lag ein unendlicher Zauber darin. Plötzlich wusste Katharina, dass die Entscheidung, in dieser Nacht hierherzukommen, die einzig richtige gewesen war. Sie hielt das Fläschchen mit dem Kräutertrank in die Höhe.
„Lieber Weihnachtsmann. Ich bin gekommen, um dir zu helfen. Meine Oma hat es für dich gebraut, damit du wieder gesund wirst. Sie meinte, es wäre unverantwortlich, nichts zu tun. Die Kinder auf der ganzen Welt in einer solchen Nacht zu enttäuschen, könne sie nicht übers Herz bringen.”
Der Weihnachtsmann nickte zustimmend. Dabei wickelte er sich aus seiner molligen Decke. Ein Gesicht strahlte Katharina an, welches sie ihr ganzes Leben nicht mehr vergessen würde. Mit soviel Wärme und Güte, dass ihr Tränen der Freude in die Augen schossen. Vorsichtig näherte sich der Weihnachtsmann. Mit dem Zeigefinger seiner rechten Hand fing er eine der Tränen auf, die sich bei dieser unvorstellbaren Kälte auf der Stelle in einen winzigen Kristall verwandelte. Oder kann es sein, dass diese Verwandlung am Zauber dieser speziellen Nacht lag?
„Dieser Kristall soll dich ein Leben lang begleiten und dir Glück und Zufriedenheit schenken.“, sagte er. Kann man etwas Schöneres oder Wertvolleres schenken? Der Weihnachtsmann nahm das Fläschchen aus Katharinas Hand. „Ich wusste, dass du kommen würdest.“ Bei diesen Worten setzte er den Trunk an und ließ ihn durch seine Kehle rinnen.
Augenblicklich veränderte sich etwas. Es kam Katharina vor, als habe sich das Glänzen und der Zauber noch mehr verstärkt.
„Alles wird gut“, strahlte der Weihnachtsmann sie an. „Du kannst deiner Oma sagen, sie sei eine wahre Zauberin. Aber ich glaube, das weiß sie auch selbst.” Er streichelte ihr übers Haar. „Du bist ein ganz besonderer Mensch. Jetzt mach dich auf den Weg nach Hause. Und freue dich auf die kommende Nacht. Ich muss jetzt los.“ Er schnalzte mit der Zunge. Katharina trat noch einige Schritte zurück. Noch lange blickte sie dem inzwischen für sie nicht mehr wahrnehmbaren Schlitten hinterher.
Natürlich fiel es ihr schwer, einzuschlafen. Oder war sie nie aufgewacht? Es konnte doch nicht real sein, dass sie dem Weihnachtsmann begegnet war, oder doch? Sie warf die Bettdecke zurück und starrte erstaunt auf ihre Beine. Dicke Bündel aus Handtüchern waren um ihre Waden gewickelt und rochen stark nach Kräutern. Wadenwickel? War sie krank gewesen? Verwirrt sah sie sich um.
Auf ihrem Nachtschrank stapelten sich wie immer ihre Lieblingsbücher. Märchenbücher mit Gnomen und Elfen auf den Titelbildern, Fantasyschinken mit Engeln, Werwölfen, Friedhöfen oder Portalen in fremde Welten waren dort recht wackelig übereinander gestapelt. Auch ein Bilderbuch mit einem Rentier lag dazwischen. Und ganz oben, über einem Gedichtband, lag ein Graphic Novel über Santa Claus.
Das ist doch seltsam. Katharina dachte an ihre verwirrenden Abenteuer zurück. Rückblickend waren sie nicht nur verwirrend, sondern wirkten sie ein Kaleidoskop ihrer liebsten Geschichten. Alles war wie wild durcheinander gewirbelt. Die zwölf Monate waren zu einer Glühweinorgie geworden, die Regenballade zu einem Teil des Albtraums, die Eichhörnchen aus Charlies Schokoladenfabrik … nur gut, dass sie sie nicht für eine hohle Nuss gehalten hatten. Wie viele ihrer Abenteuer hatte sie tatsächlich erlebt?
“Frohe Weihnachten!” Die Tür ging auf und Oma kam herein. Ihr folgte ein Eichhörnchen mit einem Tablett, auf dem belegte Brote, eine Handvoll Kekse und ein Becher Kakao standen. Katharina kniff die Augen zu. Nein, das war kein Eichhörnchen.
“Michaela? Bist das jetzt wirklich du?” Am liebsten hätte sich Katharina geohrfeigt für diese dumme Frage, aber sie musste gestellt werden. In den letzten Tagen war viel zu viel passiert, das nicht richtig zusammenpasste.
“Ich sagte ja, dass es heute überstanden sein würde,” meinte Oma. Lächelnd setzte sie sich auf den Rand von Katharinas Bett. “Du hast bestimmt viele, viele Fragen, mein Kind.” Die Wärme, die ihr faltiges Gesicht ausstrahlte, war so beruhigend normal, dass sich Katharina etwas entspannte.
“Ja. Ja, die habe ich.” Sie zeigte auf die Wadenwickel.
“Da kommen wir gleich zu. Jetzt iss erstmal was.” Michaela stellte ihr das Tablett auf den Schoß. “Du musst doch furchtbar hungrig sein.”
Erst jetzt spürte Katharina die Leere in ihrem Magen. Wie lange hatte sie nichts mehr gegessen? Sie griff beherzt zu.
“Du bist eine Bücherwanderin. Das ist etwas ganz Besonderes.” Omas Hand ruhte warm auf Katharinas Schulter. “Da du noch jung und unerfahren bist, hat dich dein Talent überrollt. Daher die vielen, wirren Erlebnisse.”
“Also habe ich nur geträumt?” Katharina sprach um das Brot in ihrem Mund herum.
“Nein.” Michaela schüttelte den Kopf. “Jedes einzelne Erlebnis war ganz und gar real.”
“Du hast nur alle möglichen Geschichten auf eine Weise vermengt, wie es vor dir noch niemand getan hat.” Oma lächelte. “Zum Glück ist Kathrin eine erfahrene Bücherwanderin und hat alles wieder so geordnet, dass es niemand merken wird.”
Michaela, die neben Oma stand, nickte zustimmend. “Und diese ungestüme, fast explosive und sehr rasante Entwicklung deiner Fähigkeiten, führte bei dir zu hohem Fieber.”
“Daher die Wadenwickel?”
Ein erneutes Nicken. Katharina dachte lange, schweigend nach. Schließlich stellte sie die Frage, die für sie in diesem Moment die entscheidende war.
“Heißt dass, dass es den Weihnachtsmann doch gibt? Hab ich ihm wirklich geholfen?” Mit großen Augen und angehaltenem Atem wartete sie auf eine Antwort.
“Ja, mein Kind, wenn auch nicht in unserer Welt.” Omas Lächeln war so voller Liebe, dass Katharinas Herz vor Glück schmerzte. “Und dadurch, dass du dem Weihnachtsmann geholfen hast, hast du auch dich selbst von dem Durcheinander deiner Erlebnisse befreien können.”
Michaela grinste breit. “Jetzt bist du bereit, alles zu lernen, was du brauchen wirst, um solche Ereignisse zu beherrschen, ohne von ihnen beherrscht zu werden. Karin sagt, es gäbe keine bessere Magie als die der Bücherwanderinnen.”
Sie? Eine Magierin? Katharina konnte es kaum glauben, aber je öfter ihr Blick zwischen dem erwartungsvollen Gesicht ihrer Oma und dem Stapel ihrer Lieblingsbücher hin und her wanderte, desto höher stieg ihre Freude. War das das coolste Weihnachten aller Zeiten, oder was? Wenn sie an de Möglichkeiten dachte, grinste sie ebenso breit wie Michaela.
“Nun kommt aber mal runter. Wir wollen den Weihnachtsbaum schmücken”, sagte Michaela. “Helga und Karin warten schon.”
“Ich beeile mich mit dem Anziehen. Geht ruhig vor.” Katharina griff nach ihrer Jeans, während Michaela mit dem Tablett und Oma bereits zur Tür gingen.
Bevor sie die Tür hinter sich zuzog, zeigte Oma zum Fenster und sagte: “Ich hatte übrigens recht mit dem Winter.”
Draußen breitete sich eine weiße Welt aus. Doch Katharinas Blick klebte an den Schlittenspuren, die vom Haus auf den Gartenzaun zu führten und dann so abrupt endeten, als wäre der dazugehörige Schlitten fortgeflogen.
Ein Lächeln glitt ihr übers Gesicht. Ihr Leben versprach interessant zu werden.

 

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