Startseite

23. Türchen der Adventskalendergeschichte

Türchen 23 – Autor Henry Wimmer

 

Katharina war über sich selbst und ihren eigenen Mut erstaunt. Hätte ihr vor einigen Tagen jemand gesagt, dass sie bei Nacht und Schneefall über einen Friedhof laufen würde, sie hätte dies laut lachend ins Reich der Fantasie verwiesen. Nun aber stand sie wirklich hier. Vor ihr ein Schlitten, so groß und prächtig, wie sie nie zuvor einem begegnet war. Die eingespannten Rentiere bewegten neugierig ihre Köpfe, um den Neuankömmling in Augenschein zu nehmen. Eines dieser großen Tiere schnaubte, als wolle es Katharina begrüßen. Weiße Wolken aus gefrorenem Atem waberten um den Kopf des Rentieres, um sich gleich darauf in der Kälte aufzulösen.
Zögernd ging Katharina auf den Schlitten zu. Sie streckte die Hand aus, um ihn zu berühren. Er schien, als sei er aus reinem Gold gefertigt. Katharina wusste nicht, ob sie jemals zuvor etwas so Schönes erblickt hatte. In ihrer Vorstellung löste er sich auf, in dem Moment, da ihre Finger dagegen stoßen würden. Aber weit gefehlt. Er war so real wie sie selbst oder die Bäume und Grabsteine, die sie umgaben. Eines der Rentiere wendete den Kopf, um Katharina zu betrachten. Sie beeilte sich, das Fläschchen mit dem Kräutertrank aus ihrer Jackentasche zu ziehen. Jetzt war sie soweit gekommen. Nun würde sie den Weihnachtsmann auch mit dem eigens für ihn zubereiteten Trunk ihrer Oma heilen.
„Schaut her“, flüsterte sie in Richtung der stolzen Zugtiere. „Diesen Heiltrank bringe ich, damit ihr in der kommenden Nacht eure Reise quer über unseren Erdball antreten könnt.“ Lächelnd fiel ihr ein, dass sie bereits hunderte Male darüber nachgedacht hatte, wie es möglich sein könne, in einer Nacht eine solch unglaubliche Aufgabe zu bewältigen. Diese Zweifel zerstoben nunmehr, als habe es sie nie gegeben. Wer es vermochte, mit einem solchen Schlitten, im Übrigen vollgepackt mit Geschenken zu reisen, für den sollte auch alles andere nur eine Kleinigkeit sein. Jetzt war es nur wichtig, dass sie den Weihnachtsmann auch fand. Beziehungsweise, dass die zubereiteten Kräuter auch helfen würden.
Aber an Letzterem zweifelte Katharina keine Sekunde. Zu ihrer Oma besaß sie das allergrößte Vertrauen. Jetzt ging es nur darum, zu überlegen, wie sie sich der in dicke Decken gehüllten Gestalt in dem Schlitten nähern sollte. Durfte sie wirklich so mir nichts, dir nichts ein Gefährt betreten, das zu den größten Wundern der Menschheitsgeschichte zählte?
„Mein Kind. Du musst keine Angst haben. Komm hoch zu mir.“ Die Stimme war so unvermittelt erklungen, dass Katharina sich erschrak. Beinahe wäre ihr dabei das Fläschchen aus der Hand gerutscht. Im letzten Moment bekam sie es zu fassen. Ihr Herz klopfte, als wolle es ihr aus der Brust springen.
Die Gestalt auf dem Schlitten lachte. Auch wenn die Stimme und das Lachen entkräftet klangen, so lag ein unendlicher Zauber darin. Plötzlich wusste Katharina, dass die Entscheidung, in dieser Nacht hierherzukommen, die einzig richtige gewesen war. Sie hielt das Fläschchen mit dem Kräutertrank in die Höhe.
„Lieber Weihnachtsmann. Ich bin gekommen, um dir zu helfen. Meine Oma hat es für dich gebraut, damit du wieder gesund wirst. Sie meinte, es wäre unverantwortlich, nichts zu tun. Die Kinder auf der ganzen Welt in einer solchen Nacht zu enttäuschen, könne sie nicht übers Herz bringen.”
Der Weihnachtsmann nickte zustimmend. Dabei wickelte er sich aus seiner molligen Decke. Ein Gesicht strahlte Katharina an, welches sie ihr ganzes Leben nicht mehr vergessen würde. Mit soviel Wärme und Güte, dass ihr Tränen der Freude in die Augen schossen. Vorsichtig näherte sich der Weihnachtsmann. Mit dem Zeigefinger seiner rechten Hand fing er eine der Tränen auf, die sich bei dieser unvorstellbaren Kälte auf der Stelle in einen winzigen Kristall verwandelte. Oder kann es sein, dass diese Verwandlung am Zauber dieser speziellen Nacht lag?
„Dieser Kristall soll dich ein Leben lang begleiten und dir Glück und Zufriedenheit schenken.“, sagte er. Kann man etwas Schöneres oder Wertvolleres schenken? Der Weihnachtsmann nahm das Fläschchen aus Katharinas Hand. „Ich wusste, dass du kommen würdest.“ Bei diesen Worten setzte er den Trunk an und ließ ihn durch seine Kehle rinnen.
Augenblicklich veränderte sich etwas. Es kam Katharina vor, als habe sich das Glänzen und der Zauber noch mehr verstärkt.
„Alles wird gut“, strahlte der Weihnachtsmann sie an. „Du kannst deiner Oma sagen, sie sei eine wahre Zauberin. Aber ich glaube, das weiß sie auch selbst.” Er streichelte ihr übers Haar. „Du bist ein ganz besonderer Mensch. Jetzt mach dich auf den Weg nach Hause. Und freue dich auf die kommende Nacht. Ich muss jetzt los.“ Er schnalzte mit der Zunge. Katharina trat noch einige Schritte zurück. Noch lange blickte sie dem inzwischen für sie nicht mehr wahrnehmbaren Schlitten hinterher.

 

Türchen 23

Lesemamas auf Facebook

Eine Antwort schreiben

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.