Startseite

21. Türchen der Adventskalendergeschichte

Türchen 21 – Autorin Alke Rudat
Während die Kräuterelli eifrig und mit aller Eile ins Regal griff, Schubladen und Schränke öffnete, um die nötigen Zutaten für den heilenden Trank in einen eigens hierfür gedachten Topf zu schütten, drückte der pfeifende Wind gegen die Tür und rüttelte an den Fensterläden. Schwarze Wolken trieben immer schneller am Himmel entlang und türmten sich auf, bereit für ein eisiges Schneegestöber.
In der Küche wurde es düster, obwohl die Zeiger der Uhr gerade erst auf die Zehn gerutscht waren. Rasch ging Helga hinüber zum Schalter, wollte für Licht sorgen, doch die Lampen an der Decke blieben dunkel.
„Wir brauchen Kerzen!“, befahl die Großmutter, hörte jedoch nicht auf, in dem schwarzen Topf zu rühren. Zum Glück kochte sie mit Gas.
Michaela holte aus dem Schrank alle Leuchter, die sie finden konnte, und bald schon erhoben sich flackernde Schatten an der Wand.
Wieder sah Katharina hinüber zum Fenster. Kaum noch konnte sie die Bäume im Garten erkennen, denn immer dichter wurde der finstere Wolkenteppich dort am Himmel, und es schien, als sei es plötzlich wieder Nacht geworden.
„Dauert es noch lange?“, wollte sie wissen.
Die Kräuterelli wog den Kopf hin und her, hob den großen Löffel, so dass ihr der Dampf des Tranks in die Nase stieg.
„Ich denke, so wird es gehen“, sagte sie dann, nickte zufrieden mit dem Kopf und war bereit, das Ganze in eine Flasche zu füllen.
In diesem Moment fuhr ein greller Blitz durch die Wolkendecke. Der ohrenbetäubende Knall eines Donners ließ das Porzellan in der Vitrine klirren.
Und dann kam der Schnee! Getrieben vom Sturm jagte er kreuz und quer, fuhr immer aufs Neue ums Haus herum, und nichts weiter als dieser wüste Tanz weißer Flocken war mehr zu erkennen.
„Das ist das Werk des Waldgeistes“, brummte die Kräuterelli. „Er will uns aufhalten.“
Stumm sahen die Frauen einander an, dann blickten sie hinüber zu dem Mädchen.
Wie sollte Katharina so den Weg zum Friedhof finden, wie den Trank zum Weihnachtsmann bringen? Nichts konnte man mehr dort draußen erkennen.
„Aber wir müssen doch irgendetwas tun!“ Katharina wollte nicht aufgeben. „Gib mir den Trank. Ich muss es wenigstens versuchen.“
Entschlossen griff sie nach ihrer Jacke. Sie schob die Flasche in die Innentasche, wickelte sorgfältig den Schal um den Hals und zog die Kapuze tief ins Gesicht.
„Sei vorsichtig“, mahnte ihre Großmutter noch, dann öffnete Katharina die Tür.
Kaum stand sie draußen, schlug ihr der Wind die eisigen Flocken ins Gesicht. Sie schnappte nach Luft. Die ersten Schritte waren noch einfach. Hier im Garten kannte sie jeden Stein, jedes Beet und jeden Strauch auch im Dunkeln.
Doch schon am Tor wurde es schwieriger: keine der Laternen am Rand dieser Straße war erleuchtet, und ihre Schuhe versanken tief im Schnee.
Vom Tosen des Sturms und den tanzenden Flocken um sie herum war ihr schon ganz schwindelig. Trotzdem wandte Katharina sich nun nach rechts, sicher, in dieser Richtung zum Friedhof zu gelangen.
„Du nimmst den falschen Weg“, warnte plötzlich eine seltsam schnurrende Stimme in ihrem Innern. Gleichzeitig berührte etwas Warmes ihr Bein. Erschrocken sah Katharina an sich hinunter und blinzelte verdutzt.
Zu ihren Füßen stand ein roter Kater!
Sein Fell schimmerte warm und bernsteinfarben, obwohl um sie herum doch alles düster war.
„Dort entlang wirst du den Friedhof nicht erreichen.“ Wieder diese schnurrende Stimme in ihrem Kopf. „Der Sturm hat schon zu viele Bäume umgerissen, die nun die Straße versperren.“
Kurz musterte der Kater Katharina mit hellgrünen Augen, als wolle er überlegen, ob weitere Erklärungen hier Sinn machten. Dann wandte er sich nach links. „Hier geht es lang.“
So stolperte das Mädchen also hinterher, immer bemüht, das sanfte Leuchten des Katers in diesem Unwetter nicht aus den Augen zu verlieren. Und tatsächlich, nach vielen verlassenen Straßen und einigen Gassen stand Katharina endlich an dem Baum, der in die Höhle zum Weihnachtsmann führte.
„Hier trennen sich unsere Wege“, hörte sie den Kater noch schnurren. Dann waren das Licht und mit ihm die Wärme im Sturm verschwunden.

 

Türchen 21

Lesemamas auf Facebook

Eine Antwort schreiben

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.