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15. Türchen der Adventskalendergeschichte

 

Türchen 15 Autorin Lisa Lamp

 

Stille. Katharina hatte sie nie gemocht und während sie gegen die bleierne Schwärze ankämpfte, wurde sie wieder darin bestätigt, dass es nichts Schlimmeres gab. Die Stimmen waren verstummt, genau wie das Unwetter, das gewütet hatte. Sogar der Geruch nach Zimt, kandierten Nüssen und Bratäpfeln hatte sich verflüchtigt. Nichts gab ihr Aufschluss darüber, wo sie sich befand, oder ob die zwielichtigen Gestalten noch anwesend waren. Wie lange hatte sie geschlafen? Ob Oma sie bereits suchte? War ihr Verschwinden Michaela, Helga und Karin schon aufgefallen, oder lagen alle noch in ihren warmen Betten? Innerlich fluchte Katharina. Wieso hatte sie niemandem Bescheid gesagt? Wie konnte sie so blöd sein und einfach Hals über Kopf irgendwelchen Fremden folgen?
Verzweifelt versuchte sie, die Augen zu öffnen, doch sie schaffte es nicht. Ihre Lider klebten aufeinander und keiner ihrer Muskeln wollte ihr gehorchen. Das Pfeifen des Windes drang an ihr Ohr und ein seltsames Rascheln zog ihre Aufmerksamkeit auf sich. Katharina wollte den Kopf drehen, aber sie konnte sich nicht rühren. Kälte kroch ihr in die Glieder. Sie sehnte sich nach einer Decke oder ihrer Lieblingsjacke, die sie vor den frostigen Temperaturen schützen konnte. Aber der Wind riss schonungslos an ihren Haaren und vereinzelt spürte sie Wassertropfen auf ihrer Haut. Es nieselte. Nur leicht, aber es würde reichen, damit Katharina noch schneller auskühlte. War das ihr Schicksal? Würde sie hier sterben? Elendig erfrieren, noch bevor die vierte Kerze am Adventskranz brannte? Katharina schauderte. Sie wünschte, sie wäre bei ihrer Großmutter, ihren Freunden oder ihren Büchern. Überall, nur nicht hier. Sie fühlte sich mutterseelenallein. Katharina spürte die Tränen, die sich ihren Weg in ihre Augen bahnten und ein Schluchzen verließ ihren Mund. Langsam fiel die Schwere von ihrem Körper ab und der Druck auf ihrer Brust verschwand, sodass sie befreit atmen konnte. Dennoch wünschte sie, die Einsamkeit würde vergehen und die Dunkelheit mitnehmen. Sie wollte nicht allein sein. Nicht, wenn ihr nicht klar war, wo sie überhaupt war. Jeder wäre ihr recht gewesen. Oma, Michaela, Opa, Helga, Karin – ja, selbst die Zicken aus der Schule. Aber niemand kam, um sie zu retten.
Ein Geräusch rechts von ihr ließ sie erstarren. Sie hielt den Atem an. Schritte ertönten und verstummten wieder.
“Guten Morgen, Prinzesschen. Wie war dein Schönheitsschlaf?” Eine quietschende Stimme kicherte unheilvoll. Es klang wie das Gackern einer alten Hexe mit grüner Hautfarbe und Warzen im Gesicht, wie Katharina sie aus ihren Büchern kannte. Und Katharina wurde klar, dass sie vorsichtiger mit ihren Wünschen hätte sein sollen.

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