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13. Türchen der Adventskalendergeschichte

 

Türchen 13 – Autorin Julia K. Schusser, Yule Forrest

 

Ein Wolf. Götter!
Katharina warf ihren Kulli frustriert aufs Bett. Am Nachmittag hatte sie mit Oma und deren drei Freundinnen am Tisch gesessen und Kuchen gegessen. Dabei hatte sie auch vorsichtig gefragt, ob sie nicht die Erlebnisse und Geschichten der vier alten Damen aufschreiben dürfe. Oma war zwar etwas zurückhaltend gewesen, aber Kräuterellis Freundinnen waren absolut begeistert von der Idee und die Kaffeerunde drehte sich den restlichen Nachmittag nur noch um die Geschichten, die sie Katharina ausführlich erzählen wollten.
Leider hatte dies dazu geführt, dass Katharina derart aufgeregt gewesen war, dass sie beschlossen hatte, ihre eigene kleine Geschichte niederzuschreiben — einfach um zu üben.
Nun sah sie auf den alten Kalender hinunter, den sie zum Notizbuch umfunktioniert hatte, und fragte sich, wie sie nur auf die Idee hatte kommen können, die Buchidee überhaupt vorzuschlagen.
Die Übungsgeschichte klang schon toll, aber mit dem bösen Koboldwesen, einem Wolf und dann auch noch mit dem Drogentraum war die Fantasie wirklich mit ihr durchgegangen.
Na, vielleicht vergaßen die alten Frauen die Idee, wenn Katharina sie nicht daran erinnerte. Zumindest hoffte sie das. Alleine bei dem Gedanken an diese Schnapsidee wurde ihr flau im Magen.
Mit einem Seufzen warf sie den Notizbuch-Kalender und den Stift vom Bett, löschte die Nachttischlampe und wickelte sich in eine Wolldecke. Nur noch eine Lichterkette ließ über der Kleiderkommode kleine Eiskristallleuchten schimmern.
Von draußen aus der Nacht ertönte ein Jaulen.
Ah, da ist ja der Wolf, der mich zu diesem Waldkobold bringen soll, dachte sie amüsiert, obwohl sie genau wusste, dass nur der Mops der Nachbarn für die Ruhestörung verantwortlich war. Von dem Fenster direkt über ihrem Bett konnte sie den dicken, kleinen Hund im beschneiten Blumenbeet stehen sehen, wo er den Sirenen eines Rettungswagens hinterherheulte.
Katharina mochte dieses kleine, verfressene Wesen, auch wenn der Mops ihr grundsätzlich ins Gesicht nieste, sobald sie sich zu ihm hinunterbeugte.
Katharinas Augen schweiften weiter zu Omas Garten. Er sah immer etwas ungepflegt aus, was mehr an der Anzahl der Pflanzen lag als an Omas Pflege.
Hinter drei Kirschbäumen lugte die Regenrinne einer kleinen Hütte hervor. Katharina erinnerte sich, sie einmal zusammen mit Opa betreten zu haben. Damals war sie voller Gartengeräte gewesen. Sie wusste aber noch genau, dass sie damals eine Falltür im Boden entdeckt und ihren Opa angebettelt hatte, einmal hinuntersteigen zu dürfen. Er hatte verneint. Dort unten befände sich nur der Heizöltank, hatte er gesagt.
Seither war sie nie wieder in der Hütte gewesen und sie hatte auch Oma nie in der Nähe gesehen. Jetzt, da sie darüber nachdachte, kam es ihr komisch vor. Aber vielleicht brauchte Oma die Geräte darin einfach sehr selten und nur dann, wenn Katharina nicht zu Besuch war.
Die Straßenlaternen warfen ihr orangenes Licht auf die Gärten der Vorstadtsiedlung. Hier und da zogen sich Fußspuren von späten Spaziergängern durch den frisch gefallenen Schnee.
Katharina merkte, wie sie müde wurde. Kurz überlegte sie, ihr Handy aus dem Rucksack zu holen und heimlich nach einer Internetverbindung zu suchen. Oma mochte diese neumodischen Knochen nicht, und tatsächlich hatte Katharina in ihrem Haus weder Zugang zum mobilen Internet, noch Handyempfang. Außerhalb des Gartentores hatte sie meistens Glück, aber sie wollte Oma natürlich nicht enttäuschen oder verärgern. Katharina verwarf den Gedanken daher und wandte den Blick wieder aus dem Fenster.
Dabei bemerkte sie mehrere Gestalten, die die Straße herab eilten. Verwirrt beobachtete Katharina die Gruppe, welche zwölf Personen zählte. Sie alle trugen dunkle Umhänge. Lange Kapuzen hatten sie tief ins Gesicht gezogen, sodass sie alle mehr wie schwebende Schatten schienen.
Sie passierten den Nachbarsgarten. Der Mops setzte zum Bellen an, überlegte es sich dann aber anders und rannte mit eingezogenem Schwanz über den Rasen zurück zum Haus, wo er sich durch eine Katzenklappe zwängte.
Die Gestalten hatten den Hund scheinbar gar nicht wahrgenommen, denn sie schritten noch immer im Gleichschritt voran. Vor Omas Gartenzaun machten sie Halt. Eine Gestalt löste sich aus der Gruppe und zog aus einer ebenfalls schwarzen Tasche einige Gegenstände hervor, die Katharina aus der Entfernung nicht erkennen konnte.
Was sollte das werden? Mitternachts-Klopfersinger?
Ein Feuerzeug flammte auf und bald darauf identifizierte Katharina die Gegenstände als klobige, schwarze Stumpenkerzen.
Auf ein Zeichen des scheinbaren Anführers hin, begannen die Gestalten über Omas niedrigen Holzzaun zu steigen.
Was bitte wollten diese Bekloppten in Omas Garten? Ein satanistischer Einbruch? Um ihre Patchouli-Vorräte zu plündern?
Die Gestalten umrundeten die Kirschbäume und liefen auf Opas Hütte zu, wobei sie wie auf eine unsichtbare Anweisung hin, einen Halbkreis um die Tür bildeten, welche mit einem rostigen Vorhängeschloss versehen war.
Katharina rutschte unruhig vor dem Fenster hin und her. Sie wusste, dass sie eigentlich Oma wecken sollte, aber sie wollte diese Gestalten auch nicht aus den Augen lassen. Bisher taten sie ja nichts verbotenes, außer gruftig vor einem Geräteschuppen herumzustehen.

 

Türchen 13

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