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3. Adventskalendergeschichte bei den Lesemamas (01. – 10. Türchen)

 

Adventskalendergeschichte

 

Hey, Hallo und schön, dass Ihr da seid.

Seit mittlerweile drei Jahren schreiben auf unserem Facebook Blog, vor Weihnachten, 24 Autoren an einer Geschichte, die dann, als Adventskalendergeschichte, jeden Tag ein Stück mehr enthüllt wird.
Ich bin der Meinung, dass sollten wir Euch hier nicht vorenthalten ?
Ihr habt jetzt das Glück, und könnt die ersten 10 Tage am Stück lesen, ab morgen wird jeweils nur ein Türchen geöffnet. Wir Lesemamas kennen übrigens die Geschichte auch nicht ?.
Viel Spaß

 

 

Türchen 1 – Autorin Katrin Lachmann
Seit Tagen schneite es ununterbrochen. Die Bewohner der fünfhundert Seelengemeinde waren unermüdlich dabei, den Schnee zu räumen. Wenn Katharina dem Wetterbericht Glauben schenkte, dann würde es der Jahrhundertwinter mit Schneemassen, die nicht zu bewältigen wären. Ihre Oma, die von allen nur die Kräuterelli genannt wurde, obwohl sie Hildegard mit Vornamen hieß, erklärte ihr anhand der Pflanzen, wie der kommende Winter sein würde. Im Herbst brachte sie ein Sträußchen Heidekraut mit nach Hause, welches bis in die letzte Blütenspitze aufgeblüht war. Sie drehte das Sträußlein hin und her, kräuselte die Stirn und war in ihrer kleinen Bibliothek verschwunden. Als sie wieder heraus kam, hielt sie ein altes Buch in den Händen und tippte mit ihrem Zeiger auf den Einband.
„Wir müssen uns auf einen sehr harten Winter einrichten. Ich habe noch einmal nachgelesen.“
„Ist doch nichts neues, oder?“
„Dieses Mal ist es anders. Alles deutet darauf hin, dass wir einen Winter erleben werden, wie seit mehreren hundert Jahren nicht.“
Katharina war es egal. Sie liebte den Winter mit Schnee und Eis. Sehnsüchtig wartete sie auf die Zeit, wenn die Eiskristalle in der Luft tanzten, wenn der Teich mit einer dicken Eisdecke geschlossen und alles mit glitzerndem Schnee überzogen war. Das war der Zeitpunkt, an welchem die Geräusche durch die Schneedecke gedämpft wurden. Stundenlang spazierte sie dann durch die Winterlandschaft. Auf ihren Handschuhen ließ sie die Schneeflocken niedergehen und schaute sich die hauchdünnen Kristalle an. Kam ihr Atem zu dicht heran, schmolzen sie in Sekundenschnelle. Nach solch einem Spaziergang freute sie sich auf einen heißen Kakao vor dem Kamin. In das Knistern des Feuers mischte sich das Heulen des Windes. Ein sicheres Zeichen, dass das Schneegestöber eingesetzt hatte. Das war dann die Zeit der alten Geschichten.

Türchen 2 – Autorin Petra Brusendorff
Ihre Oma erzählte ihr gern abends, wenn das Tagwerk vollbracht war. Oft saßen sie in der Küche. Den Tisch hatten sie schon abgeräumt. Im Regal in einer Ecke standen oder hingen die Kräuter, die die Kräuterelli das Jahr über gesammelt hatte. Zu gern öffnete Katharina die Gläser, um den Duft einzuatmen. Sie liebte es, genauso wie die Bratäpfel, die es manchmal zum Nachtisch gab.
Wenn das Schneegestöber nicht zu laut war, hörten sie den Glockenklang der Kirche.
Dieser Klang entführte Katharina in eine Traumwelt.
Sie fragte sich, woher ihre Oma nur all die Geschichten kannte? Manchmal hatte Katharina das Gefühl, dass es nicht nur Geschichten waren, sondern Erlebnisse aus einer längst vergangenen Zeit. Auf die Frage, ob sie dies alles selbst erlebt hatte, lachte Oma und zwinkerte ihr zu.
An diesem Abend erzählte sie von einer kleinen Familie. Sie lebte etwas abseits eines Dorfes am Rande des Waldes. Auf dem Gehöft gab es keinen Strom oder fließend Wasser, aber viele Tiere und einen riesigen Garten, der sie ernährte.
In die Erzählung mischte sich ein Traum, in dem Katharina sah, wie sie mit der Oma eingeschneit war. Angst beherrschte sie. Was wäre, wenn das Holz aufgebraucht war, die Nahrungsmittel erfroren oder wenn Oma plötzlich hohes Fieber bekäme.
Oma wüsste, welches Kraut helfen würde, aber Katharina?
Über diese Gedanken schlief sie ein und erwachte am nächsten Morgen. Der Sturm hatte sich beruhigt. Katharina hörte die Oma leise summen und die Luft war geschwängert vom Geruch des frischen Kräutertees. Ein neuer Tag war erwacht und der dunkle Traum war verflogen.

Türchen 3 – Autorin Sontje Beermann
Noch ein wenig verschlafen tappte Katharina zu ihrer Oma in die Küche. „Guten Morgen!“
„Guten Morgen, mein Schatz! Nimm dir Tee und setz dich zu mir!“
Sie tat wie geheißen, goss sich Kräutertee in ihre Lieblingstasse und setzte sich an den Esstisch. Ihre Oma schälte Äpfel, entfernte das Kerngehäuse und warf die Spalten in Zitronenwasser. „Was wird das?“
„Mein allerliebster Apfelkuchen, wir bekommen heute Besuch.“
„Kann ich helfen?“
„Natürlich. Hol dir den Nussknacker, ich brauche mindestens zwanzig Walnüsse.“
Grinsend sprang Katharina auf und eilte zur Vorratskammer, wo der Nussknacker, verpackt in einem Leinenbeutel, auf seinen Einsatz wartete. Sie brachte ihn zum Tisch, packte ihn aus und begutachtete ihn. Der mehr als einen Meter große Husar war schon viele Jahre alt, strahlte aber noch immer in kräftigem Rot und Weiß. Ihr verstorbener Opa hatte ihn liebevoll mit der Hand geschnitzt und angemalt, Haar und Bart bestanden aus Kaninchenfell, und der Säbel war sogar aus Metall.
Sie seufzte und strich mit beiden Händen sanft über die Figur, doch von Staub war nichts zu sehen. Manchmal vermisste sie ihren Opa so sehr, dass es ihr in der Brust wehtat.
Katharina blinzelte und holte sich zwei Schalen, zog den riesigen Nikolausteller zu sich heran und machte es sich auf ihrem Platz gemütlich.
„Wer kommt denn zu Besuch, Oma?“ Sie schob dem Husaren eine Walnuss in den Mund und betätigte vorsichtig den Hebel in seinem Rücken, bis die Schale aufplatzte.
„Drei meiner liebsten Freundinnen. Michaela, Karin und Helga.“
„Oh, wie schön, die habe ich schon lange nicht mehr gesehen.“ Katharina lächelte vor sich hin und pulte die gehirnförmigen Kerne aus der geknackten Schale. „Meinst du, sie bringen auch wieder ein paar Bücher mit? Mir haben die Weihnachtsgeschichten letztes Jahr so gut gefallen.“
„Bestimmt, mein Schatz!“ Oma lächelte. „Kannst du dir die drei ohne Bücher vorstellen? Ich nicht.“
Katharina lächelte und widmete sich der zweiten Nuss. „Nein, ich auch nicht. Und sie können fast so schöne Geschichten erzählen wie du.“
„Sie haben eben auch schon viel erlebt.“
Das Mädchen hielt inne und schaute ihre Oma an. „Habt ihr schon mal daran gedacht, eure Geschichten und euer Wissen aufzuschreiben? Oder ihr erzählt mir alles und ich schreibe es auf. Das wird ein richtig dickes Buch!“
Die ergraute Frau lachte herzlich. „Was du nur für Ideen hast!“

Türchen 4 – Autorin Nadine Baumann
Während Kräuterelli den Kuchen in den Ofen schob, nutzte Katharina die Chance, sich für einen Spaziergang davonzustehlen. Sie liebte es, in dieser rauen Kälte über die Felder zu streifen, wenn niemand anders gern die warme Stube verließ. Lachend rannte sie einige Meter durch den frischen Schnee, blieb dann stehen und legte den Kopf in den Nacken, bis sie eine der dicken Schneeflocken mit ihrer Zunge eingefangen hatte. Danach ließ sie sich auf den Rücken fallen und malte mit Armen und Beinen einen Engel in den Schnee. Dieser Winter war herrlich, und sie würde ihn in vollen Zügen genießen.
Gedankenverloren klopfte sie den Schnee von ihrer Kleidung und lief den Weg am alten Friedhof entlang. Hinter einer niedrigen Steinmauer sah sie die verschneite Rasenfläche, die von vereinzelten Grabsteinen unterbrochen wurde. Die Gräber waren alt und verwaist, es wurden schon seit Jahrzehnten keine neuen mehr angelegt. Aber der Friedhof wurde trotzdem nicht entfernt, sondern blieb als Andenken an vergangene Zeiten am Rande des Dorfes erhalten.
Katharina schlüpfte durch das schmiedeeiserne Tor am Ende der Mauer, das sich schon lange nicht mehr schließen ließ. Mit leisen Schritten bewegte sie sich auf die kleine Kapelle zu, deren bunte Fenster sie so gerne einmal von innen sehen wollte. Doch immer, wenn sie bisher hier gewesen war, hatte sie die Tür verschlossen vorgefunden, daher hatte sie auch heute keine große Hoffnung.
Ein Eichhörnchen hüpfte mit kleinen Sprüngen vor ihr durch den Schnee. Musste dieses Tier keinen Winterschlaf halten? Neugierig versuchte Katharina herauszufinden, wohin es verschwunden war und entdeckte hinter der Kapelle eine riesige Tanne, deren Äste sich von der Last des Schnees in Richtung des Bodens bogen. Eine große, dunkle Höhle im mächtigen Stamm des Baumes wirkte im Vergleich zu der verschneiten Umgebung wie der Eingang in eine düstere Welt. Winzige Spuren im Schnee führten bis zu dieser Höhle. Ob das Eichhörnchen wohl dort verschwunden war?

Türchen 5 – Autorin Nadine Teuber
In diesem Teil des Dorfes war Katharina noch nie gewesen – falls die Höhle überhaupt noch zu dem Dorf gehörte.
Sie schlotterte in ihren nassen Klamotten. So sehr sie Schneeengel auch liebte, bereute sie es jetzt, als der kalte Wind ihr in den Kragen fuhr. Zumindest davor sollte die Höhle sie schützen und so folgte sie den Spuren des Eichhörnchens in die Finsternis.
Kurz dachte sie daran, dass sie die Zeit nicht vergessen durfte. Der Kuchen der Kräuterelli war bis weit über die Dorfgrenzen berühmt. Berechtigt!
Doch wann bekam man schon die Gelegenheit für ein solches Abenteuer?
Die Höhle empfing sie mit einer überraschenden Wärme und einem Lichtschimmer am Ende des niedrigen Ganges, der sie neugierig machte und weiter in die Höhle hineinlockte.
Ein kalter Windstoß drängte sie von hinten und als sie zurück zum Eingang blickte, sah sie, dass der Schneefall wieder begonnen hatte. Heftiger als zuvor.
Wie gut, dass es in der Höhle warm und gemütlich war. Hier konnte sie abwarten, bis der Eissturm sich gelegt hatte.
Je weiter sie in die Höhle vorstieß, desto wohliger wurde es und ein geheimnisvolles Knistern drang an ihr Ohr.
Am Ende des Ganges angelangt, wandte sie sich nach rechts und sah sogleich den Ursprung der Wärme und des Knisterns.
In dem menschenleeren Gewölbe hing über brennenden Holzscheiten ein großer Kessel, in dem etwas dampfend vor sich hin köchelte.

Türchen 6 – Autor Roland Blümel
Katharinas Herz klopfte heftig. Ein großer Kessel über brennenden Holzscheiten bedeutete doch, dass irgendein Mensch oder irgendein Wesen in der Nähe sein musste, aber sie konnte niemanden sehen.
Angstvoll blickte sie sich um, aber das Gewölbe schien verwaist zu sein. Eigentlich wäre sie am liebsten umgekehrt, aber der dampfende Kessel zog sie magisch an. Langsam näherte sie sich dem Feuer und genoss die angenehme Wärme. Aus dem Kessel stieg ihr ein angenehmer Duft in die Nase. Es roch irgendwie weihnachtlich, eine Mischung aus verschiedenen Kräutern. Wenn Oma hier wäre, könnte sie bestimmt sagen, um welche Kräuter es sich handelte.
Katharina trat nah an den Kessel heran und blickte in die dampfende Flüssigkeit. Sie war tief rot, bestimmte Kräuter schwammen darin. Das sieht aus wie ein Zaubertrank, ging es ihr durch den Kopf. Sie bemerkte eine Kelle, die neben dem Feuer lag. Ehe sie sich versah, lag die Kelle in ihrer Hand und sie hatte diese in den Kessel eingetaucht. Erschrocken zog sie die Kelle wieder heraus und verschüttete dabei etwas auf den Boden.
Vor Schrecken trat sie einige Schritte vom Feuer zurück und sah staunend auf die Stelle, auf die die Flüssigkeit getropft war. Erstaunt erblickte sie, wie sich dort etwas bildete. Es sah aus wie ein Stiefel, ein roter Stiefel, um es genau zu sagen.
Wieder wurde sie davon angezogen und stellte fest, dass in dem Stiefel ein Päckchen lag. Nikolaus, heute ist doch Nikolaus, ging ihr durch den Kopf.
„Du kannst es gern nehmen, es gehört dir!“, hörte sie plötzlich eine tiefe Stimme hinter sich und sie zuckte zusammen. Sie drehte sich um und glaubte, ihren Augen nicht trauen zu können.

Türchen 7 – Autorin Sybille Sturm
Als Kind hatte Katharina immer den Verdacht, dass sich ihre Oma hinter dem Nikolaus versteckte. Sie war es, die immer darauf sah, dass alle Schuhe ordentlich sauber geputzt in Reih und Glied im Schuhschrank standen.
Jedoch sahen ihre Augen ihren seit langer Zeit verstorbenen Opa vor sich.
„O – P – A!“
„Katharina, schau nicht so entsetzt.“.
„Aber was machst du hier?“
„Du weißt doch, dass ich Schuhmacher war. Und du weißt, dass ich immer auf die richtige Pflege aller Schuhe geachtet habe.“
Katharina musste lachen: „Ja, ich weiß, ich darf nie die Steifen runterlatschen. Dies mache ich auch heute nicht. Ich nehme immer einen Schuhanzieher.“
Katharinas Opa trat näher an sie heran. Sanft streichelte seine Hand über ihren Kopf.
„Ich weiß mein Schatz, ich weiß. Doch hast du bald einen großen Tag vor dir. Deshalb wollen deine Oma und ich dir diese kleine Überraschung geben.“
Plötzlich wurden Katharinas Augen schwer. Das Bild ihres Opas verblasste immer mehr. Langsam glitt sie auf den Boden und verfiel in einen tiefen Schlaf.
Als sie wieder erwachte, fand sie den Raum verändert vor. Der Kessel und auch der rote Stiefel waren verschwunden. In ihrer Hand hielt sie immer noch das kleine Päckchen aus dem Stiefel.  Sie packte es hastig aus. Als sie dessen Inhalt sah, glaubte sie ihren Augen nicht trauen zu können.

Türchen 8 – Autor Peik Volmer
Ei, was mochte nur in dem Kästchen sein? So langsam kam Katharina das ganze unheimlich vor. Beleuchtete Höhlen am alten Friedhof, Kessel mit roten Zaubertränken, aus denen plötzlich ein Stiefel wurde – wobei man einräumen musste, dass der schon sehr schick war. Manolo Blahniks, ganz klar. Aufs Geratewohl sagte sie: „Könnte ich dazu mal den anderen probieren?“, woraufhin das Eichhörnchen mit der Stimme ihrer Oma sagte, „Ich schau mal eben im Lager nach.“
Kinder, Kinder. Was war bloß los mit ihr? Jetzt entdeckte sie noch Gürtel, die exakt zu den Stiefeln passten. Pech. Die saßen doch recht knapp! Zu viel Kräuter-Kuchen von Oma Kräuterelli vermutlich, dachte sie. Laut erkundigte sie sich liebenswürdig, „Ach, haben Sie vielleicht den Gürtel in meiner Größe?“ Das Eichhörnchen schüttelte den Kopf. „Bedaure! Nur, was da hängt!“
Immerhin hatte sie die neuen Schuhe. Umweltbewusst ergriff sie den Jutesack, in den das Eichhorn den Karton gesteckt hatte. Nein, danke. Imprägnierspray hätte sie noch daheim, log sie.
Wo, bitte, war denn jetzt der Ausgang? Ah, da, auf dem Schild, war ‚Alter Friedhof‘ zu lesen. Fast bereute sie es, dem Eichhörnchen nicht das Imprägnierspray abgekauft zu haben. Schon wieder fiel Schnee. Warum machte der in diesem Jahr nur so viel Krach? Und dabei hatte sie doch ihre drei liebsten Freundinnen, Michaela, Karin und Helga mit den Stilettos beeindrucken wollen. Moment mal! Da hinten! Die drei schwankenden Gestalten! Waren sie das nicht?
„Hallo Süße“, begrüßte Michaela sie kichernd mit der Stimme ihres Opas. „Du hier? Auf dem Friedhof? Ja, narrt mich denn ein Trugbild? Äfft mich ein Spuk?“
„Quatsch, Michi, ich bin’s wirklich!“
Karin und Helga übertönten mit hemmungslosem Gelächter die herabstürzenden Flocken. Helga zog an einer eigenartigen, spitz zulaufenden Zigarette und reichte sie an Michaela weiter. Auch diese inhalierte kräftig.
„Hier, komm. Du auch“, lud sie Katharina ein.
„Ich rauche doch gar nicht“, wehrte die Schuhkäuferin sich.
„Das sieht man“, kritisierte Karin mit der Stimme Helgas. „Du nimmst die Kräuter gern als Gebäck zu dir, oder? Mein Gott – hast du schon wieder zugelegt? So wird das nichts mit dem passenden Gürtel!“
„Wollt ihr die Schuhe sehen? Echte Manolo Blahniks!“, fragte Katharina. Plötzlich schwebte ihre Oma, die von allen nach wie vor Kräuterelli genannt wurde, mit dem verschwundenen Kessel aus der Höhle über den Friedhof und rief mit der Stimme des Eichhörnchens: „Es wird ein kalter Winter, ich habe es nachgelesen. Deckt euch bitte rechtzeitig mit meinen Kräutern ein.“
So ereignete es sich, dass Katharina bereits zum zweiten Mal an diesem Tag etwas bereute. Hätte sie bloß nicht ihr ganzes Geld für die Schuhe ausgegeben!
„Liebste Großmutter“, bat sie mit der Stimme Manolo Blahniks, „Ich müsste kurz den Husaren mit dem Kaninchenfell zum Geldautomaten schicken. Hier! Sieh selbst!“
Es hatte plötzlich zu schneien aufgehört.
Sie öffnete ihr schickes, längliches Chanel-Portemonnaie. Plötzlich tönten die Glocken, die nicht mehr vom Lärm der Schneeflocken übertönt wurden, laut. Neugierig blickten sämtliche Damen in die Geldbörse. Um Gottes Willen! Was war das?
Sie trauten ihren Augen kaum …

Türchen 9 – Autorin Jeannine Molitor
In Katharinas Geldbörse steckte ein Rentier-Plätzchen. Verwundert zog sie die Augenbrauen nach oben und ihre Stirn kräuselte sich. »Wie kommt das denn da rein?«
»Hol es doch einfach heraus!« Karin verdrehte genervt die Augen.
Katharina zuckte mit den Schultern und zog das Rentier-Plätzchen aus der Chanel-Geldbörse. Ein Schrei löste sich aus ihrer Kehle, der von der Höhle um ein Vielfaches zurückgeworfen wurde, als das Plätzchen immer weiter wuchs.
Ein greller Blitz durchzuckte Katharinas Blickfeld und schmerzte in ihren Augen. Mit einer Hand hielt sie sich die Augen zu und stützte sich mit der anderen an der rauen Höhlenwand ab. Als das Licht wieder nachließ, sah sie sich unsicher um, doch Michaela, Karin und Helga waren verschwunden. Die Höhle lag wie ausgestorben vor ihr. »Das war alles ein verrückter Traum!« Erleichtert stieß sie die Luft aus, doch im selben Atemzug meldete sich ihr Verstand. Warum war sie dann trotzdem noch hier in der Höhle?
Katharina drehte sich um und starrte direkt in ein Paar große, dunkle Augen, die von weißem Fell umgeben waren. Mit vor Schreck weit aufgerissenen Augen, taumelte sie mehrere Schritte zurück. Vor ihr stand ein weißes Rentier und musterte sie mit seinen dunklen, intelligent wirkenden Augen.
Träumte sie etwa immer noch? Was ging hier vor sich?
»Ich werde verrückt«, stieß sie kopfschüttelnd hervor und wollte sich so schnell wie möglich zum Ausgang der Höhle begeben. Das Rentier jedoch machte ihr einen Strich durch die Rechnung, indem es vortrat und ihr mit seinem massigen Körper den Weg versperrte. Das majestätische Geschöpf schüttelte leicht mit dem Kopf und deutete dann in das tieferliegende Innere der Höhle. Als Katharina sich nicht bewegte, stupste das Rentier sie mit der Nase sanft an.
»Willst du mir etwas zeigen?« Katharinas Stimme zitterte leicht vor Unsicherheit, denn sie verstand immer noch nicht, was vor sich ging. Doch das Geschöpf hatte eine beruhigende Ausstrahlung, die sich langsam auf sie übertrug.
Das weiße Rentier nickte und Katharina seufzte leise. »In Ordnung. Ich folge dir.« Noch komischer konnte die Geschichte kaum werden. Was erwartete sie wohl?

Türchen 10 – Autorin Lotte R. Wöss
Katharina folgte dem Tier immer tiefer in die Höhle. Der Weg war steinig und es gab kaum Licht.  Mehrmals fragte sie das weiße Rentier, wie weit es noch wäre, aber sie erhielt natürlich keine Antwort. Schließlich weitete sich der Raum ein wenig, wunderschöne Tropfsteine waren zu beiden Seiten. Das Rentier blieb stehen und Katharina hörte plötzlich ein grässliches Stöhnen. Am liebsten wäre sie umgekehrt, aber mit einem Mal war rund um sie Licht und Wärme. Ein engelsgleiches Wesen stand vor ihr. Das musste das Christkind sein. Die Stimme war lieblich und sanft. »Ich freue mich, dass du gekommen bist, Katharina. Der böse Waldgeist Fitzliputzli hat den Weihnachtsmann verzaubert, er hat Bauchschmerzen und hohes Fieber.« Wiederum ertönte ein Ächzen von hinten.
»Der arme Weihnachtsmann!«, rief Katharina. »Was kann ich tun?«
Das Christkind drückte ihr eine kleine Papierrolle in die Hand. »Dieses Geheimrezept vermag ihm zu helfen, aber nur die weithin bekannte Kräuterelli hat das Geschick, diesen Trank zu kochen. Lauf rasch nach Hause, damit deine Oma den Kräutertee zubereiten kann. Bitte, beeil dich, wir haben nicht mehr viel Zeit. Dem Weihnachtsmann geht es bereits sehr schlecht.«
Ihre Oma, natürlich. Sie würde bestimmt helfen. Was für ein Unglück. Könnten die Kinder heuer keine Geschenke bekommen, weil der Weihnachtsmann krank war. Katharina presste die kleine Rolle an sich, rannte durch die dunkle Höhle zurück, stolperte ein paarmal, raffte sich wieder auf.
»Ha, du glaubst wohl nicht, dass ich dich davonkommen lasse?« Das Herz blieb ihr fast stehen, als sie die schnarrende Stimme hörte.
Rotglühende Augen starrten sie aus dem Dunkel an, direkt vor ihr, und eine Gestalt versperrte ihr den Weg. Katharina konnte nicht viel erkennen, nur einen zotteligen Pelz. War das Fitzliputzli? Wie sollte sie an ihm vorbeikommen?

 

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